Erschütterungen: Joachim Gaucks kluge Positionen
● Heikles nicht verschweigen
● Kein Vorschub für Rassisten
Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck geht gemeinsam mit seiner Co-Autorin Helga Hirsch in seinem Buch „Erschütterungen: Was unsere Demokratie von außen und innen bedroht“ der Frage nach, weshalb das Vertrauen vieler Bürger in unsere liberale Demokratie erschüttert ist. Was bedroht unsere Demokratie von innen heraus? Welche Rolle spielen autoritäre und libertäre Dispositionen in Krisenzeiten? Ein Kapitel ist mit „Wie viel Einwanderung verträgt eine Demokratie?“ überschrieben. Daraus zitieren wir:
„Bis jetzt hat sich die demokratische Mitte unserer Gesellschaft nicht intensiv damit auseinandergesetzt, wie viel Diversität wir für vertretbar halten, ohne eine rassistische und ausländerfeindliche Radikalisierung von Teilen der Gesellschaft zu riskieren. Im Unterschied zu Kanada und Australien haben wir uns bisher auch nicht für Quoten bei der Aufnahme entschieden, mit denen sich der Zugang aufgeteilt nach Flüchtlingen und Fachkräften regulieren ließe. Gleichzeitig haben wir erfahren müssen, dass offene Grenzen zwar humanistischen Wünschen entsprechen mögen, dass realpolitisch aber Unterbringung und Integration von Zugewanderten zu einer enormen Herausforderung werden und eine Radikalisierung innerhalb der Gesellschaft nach sich ziehen können. Schon als Bundespräsident habe ich daher gesagt: Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich. Materiell und psychisch. (…)
Wie viel Einwanderung verträgt eine Demokratie?
Aus Scheu vor Einmischung in die Kultur von Minderheiten werden Konflikte mit Migranten bis heute aber oft bagatellisiert, ignoriert oder öffentlich verschwiegen. Steckt dahinter doch die Angst, dies könnte als rassistisch verurteilt werden und fremdenfeindlichen, antimuslimischen Stimmungen Auftrieb geben? Ich kann diese Besorgnis durchaus verstehen. Sie ist mir ja selbst nicht fremd. Andererseits mache ich mir bewusst, dass ein Nichtreagieren in all diesen Fällen ein Verrat an den Grundlagen unserer liberalen Demokratie bedeutet, an ihren Menschenrechten und an ihrer Meinungsfreiheit. (…)
Joachim Gauck über offene Debatten und gesellschaftlichen Zusammenhalt
Wenn es zum Wesen der freiheitlichen Gesellschaft gehört, dass Kritik, Debatte und Streit substanzielle Elemente gelebter Demokratie sind, dann dürfen diese nicht suspendiert werden, nur weil die Gefahr besteht, dass berechtigte Kritik von Fremdenfeinden für ihre politischen Zwecke genutzt werden kann. Das liefe darauf hinaus, die heiklen Themen den Rassisten und Fremdenfeinden zu überlassen. Die Debatte darf aber auch nicht enden, wenn Minderheiten unter Umständen in ihren religiösen Gefühlen verletzt sein könnte. (…)
In der Praxis zeigte sich jedoch, dass auch Multikulti allzu oft nicht die gewünschte Annäherung brachte. Es sind Parallelgesellschaften entstanden, die in den USA genauso wie in Brüssel, Paris und Berlin die Gefahr einer Fragmentierung der Gesellschaft erhöht haben. Zwar mögen Parallelgesellschaften Neuankömmlingen zunächst das Ankommen im fremden Land erleichtern, aber für viele sind die französischen Banlieues, das Brüsseler Molenbeek, die Vororte von Göteborg und Malmö, Berlin- Neukölln und viele andere primär von Eingewanderten geprägte Straßen und Stadtteile zur Sackgasse geworden. Sie hängen fest in diesen Vierteln, in denen überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit herrscht, manchmal auch Gewalt, und schaffen nicht den Sprung in die Aufnahmegesellschaft. (…)
Für mich gibt es jedenfalls keine Äquidistanz zwischen einer rechtsstaatlichen und menschenrechtsbasierten Ordnung einerseits und vormodernen, patriarchalischen oder autoritären Ordnungen andererseits. Die in Europa gewachsenen Grundlagen, wie sie sich seit der Aufklärung politisch und kulturell herauskristallisiert haben, halte ich in unserer Demokratie für nicht verhandelbar, weder gegenüber Rechtsextremisten noch gegenüber Fundamentalisten anderer politischer, kultureller und religiöser Auffassungen.“

Erschütterungen. 240 Seiten, 6. Auflage, erschienen im Siedler-Verlag, ISBN 978–3‑570–55504‑0, 24,00 Euro










