Stadt bemühte sich trotz der städtebaulich sensiblen Lage nicht um Anpassung der Außenfassade des neuen Aldi-Markts
Nein, das alte Gebäude, indem sich der Aldi-Markt an der Kastanienallee befand, war nicht wirklich schön, aber es passte als Bau der späten 1970er Jahre irgendwie in die Umgebung. Rote Klinker, große Glasfronten und schwarze Dachziegel – das störte nicht neben dem zierlichen Fachwerkhaus links und dem großen Wohnhaus aus der Gründerzeit rechts. Doch jetzt hat der Discounter nach dem Abriss an gleicher Stelle einen grau-silberglänzenden Industriebau gestellt, der besser auf ein Gewerbegebiet neben einer Autobahn gepasst hätte als an eine der schönsten Straßen Braunschweigs.
Kein harmonisches Gesamtbild
Dabei regelt das Baugesetzbuch (BauGB) gemeinhin die Anpassung von Gebäuden an die Umgebung. In Paragraf 34, Absatz 1 heißt es: „Innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile ist ein Vorhaben zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und die Erschließung gesichert ist. … Das Ortsbild darf nicht beeinträchtigt werden.“
Auf Nachfrage, warum die Baugenehmigung erteilt wurde, antwortete sie: „Der Bauherr Aldi hatte einen Anspruch auf die Baugenehmigung. Diese ist im Oktober 2024 erteilt worden.“ Das im Baugesetzbuch geforderte „Einfügen“ entspräche nicht dem allgemeinen Sprachgebrauch – im Sinne eines harmonischen Gesamtbildes. Vielmehr ginge es lediglich um die Einhaltung des Umgebungsrahmens hinsichtlich Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise (in diesem Fall offene Bauweise, das heißt mit Grenzabständen) und der überbauten Grundstücksfläche. „Die Schönheit des Gebäudes oder die Dachform spielen keine Rolle und rechtfertigen nicht die Ablehnung des Bauantrags. Natürlich berät die Stadt Bauherren auch gern bezüglich der Gestaltung mit Blick auf den umliegenden Stadtraum, wenn diese sich an sie wenden.“

Es gab keine Vorgaben
Ist das nicht verkehrte Welt? Die Kommune muss doch vielmehr ein Interesse am äußeren Erscheinungsbild ihres Stadtraums im Sinn eines harmonischen Ortsbilds haben als der Bauherr. Auf Nachfrage teilt Aldi dazu mit: „Vorgaben zur Optik gab es seitens des Bauamts nicht. Wir haben den Markt dementsprechend nach unserer aktuellen Baubeschreibung errichtet, die eine moderne Außenfassade aus Lochblech vorsieht.“ Selbstverständlich passe Aldi das äußere Erscheinungsbild der Filialen dort an, wo immer dies gefordert würde. Aldis Discount-Prinzip bestehe aber grundsätzlich aus der Standardisierung der Prozesse – so auch bei der Fassadengestaltung der Filialen.
Ein in Braunschweig ansässiger erfahrener Architekt erläuterte, dass es ungeachtet rechtlicher Beurteilungen den Kommunen immer möglich sei, sich mit Bauherren über die an einem bestimmten Ort passende Gestaltung ins Benehmen zu setzen. In der überragenden Mehrzahl solcher Fälle komme man im Dialog dann zu Anpassungen und für beide Seiten befriedigenden Lösungen. Nur müsse dafür das Bauamt wenigstens die Initiative ergreifen. An der Kastanienallee wäre das sicher zu erwarten gewesen. Eine ansprechendere und dem Standort an der Kastanienallee angemessene Architektur wäre also sehr wohl möglich gewesen.
Besonderer Charme
Nicht nur für Bauhistoriker Elmar Arnhold ist das Aldi-Gebäude aber kritikwürdig. „Die Architektur solcher Verbrauchermärkte ist ein grundsätzliches Problem. In diesem Fall spreche ich von reiner Wegwerfarchitektur, die an dieser Stelle einfach fehl am Platz ist“, sagt er. Kritik gibt es gleichfalls vom Stadtheimatpfleger Thorsten Wendt. „Der Grundsatz, dass sich ein Neubau in das bestehende Stadtbild einfügen muss, ist hier definitiv nicht beherzigt worden. Die Genehmigung ist nicht nachvollziehbar und fragwürdig. Das Gebäude ist an dieser Stelle unpassend“, meint er.
Die Kastanienallee hatte im Zweiten Weltkrieg nur geringe Schäden erlitten. Nur etwa 20 Prozent der Häuser waren betroffen, während in der Innenstadt 90 Prozent der Gebäude zerstört worden waren. Bis heute hat sich die Kastanienallee so ihren besonderen Charme mit ihren Gründerzeitbauten und den nachgepflanzten Kastanien bewahren können.










