Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Carsten Müller nach seinem Facebook-Post über einen Bettler in Köln
Der Braunschweiger Bundestagsabgeordnete Carsten Müller (CDU) hat mit seinem Facebook-Eintrag über einen Bettler in vermeintlicher Markenjacke und Adidas-Sneakern auf dem Bahnhof in Köln eine breite Debatte über Armut und Bedürftigkeit in Deutschland losgetreten. Sein Post wurde mehr als eine Million Mal geklickt und hundertausendfach kommentiert. In den deutschen Medien war er als Gesprächspartner gefragt.
Herr Müller, die Reaktionen auf ihren Facebook-Post reißen nicht ab. Irritiert Sie das?
Ja, ich bin schon überrascht, dass das so eine starke Aufmerksamkeit bundesweit gefunden hat. Das zeigt, dass die Debatte wichtig ist. Es war mir klar, dass das Thema polarisiert. Wenn ich etwas kritisiere, dann darf natürlich auch ich dafür kritisiert werden, das gehört dazu. Ich habe nicht das Recht auf die Wahrheit gepachtet.
Wie war das Verhältnis zwischen positiven und negativen Reaktionen?
Die Zahlen sprechen für sich. Die überwiegende Mehrheit fand es gut, dass die Armutsdebatte mal aus einem anderen Blickwinkel als aus dem der Betroffenheit aufgriffen wurde. Viele Medien haben mich interviewt und sich mit dem Thema unvoreingenommen und sachorientiert auseinandergesetzt. Die negative Kritik kommt natürlich bei manchen reflexartig, ist dann oft unsachlich und in Teilen sogar bösartig.


Wie meinen Sie „bösartig“?
Da wird aus populistischen Beweggründen etwas in meinen Post hineininterpretiert, was dort gar nicht stand und ich auch gar nicht gemeint habe. Ich habe nicht in Frage gestellt, dass es Armut in Deutschland gibt. Ich habe auch nicht gegen Obdachlos oder Ausländer gehetzt. Ich habe noch nicht einmal die Worte benutzt. Wer meint, dass aus dem Post herauslesen zu müssen, steckt offenbar selbst voller Vorurteile. Das ist schade
Wie wollten sie Ihren Post den verstanden wissen?
Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass es in diesem Land auch Menschen gibt, die vorgeben bedürftig zu sein, aber es tatsächlich gar nicht sind oder sein müssten. Es gibt sozialen Missbrauch in Deutschland, der am Ende den wirklich Bedürftigen schadet. Der Mann, den ich fotografiert habe, das stellte sich offenbar jetzt heraus, ist Rumäne. Er könnte als EU-Bürger also ohne jegliche Einschränkungen in Deutschland arbeiten und seinen Lebensunterhalt selbst verdienen.
Sie meinen, dass der Bettler von Köln gar nicht bedürftig ist?
Das kann und will ich nicht behaupten, weil ich es nicht weiß. Aber der Eindruck war so, als er mich ansprach. Er hatte sich mit Luxuslabeln geschmückt und trug Adidas-Sneaker, die nicht aussahen, als seien sie aus einem Schuhcontainer. Auf einem jüngst veröffentlichten Foto hatte er übrigens schon eine neue Jacke an. Es gab Reisende, die ihm anboten, Essen zu kaufen, aber das lehnte er ab. Er wollte nur Geld. Hungern müsste er ohnehin nicht, weil es in Köln viele Ausgabestellen der Tafel und eine Suppenküche für Bedürftige gibt. Außerdem ist Betteln in deutschen Bahnhöfen per Hausordnung grundsätzlich verboten.
Und trotzdem sind Sie in manchen Medien der Böse. Stört Sie das?
Nein, mich persönlich nicht, aber durch die oft unreflektierte und polemische Kritik, wird das tatsächliche Problem bagatellisiert und das ehrenamtlich getragene Engagement bei der Unterstützung von wirklich Bedürftigen herabgewürdigt. Armut und Obdachlosigkeit sind ein Thema in Deutschland, auch in Braunschweig.
Was schlagen sie also vor?
Wir müssen betroffenen Menschen die Hand reichen, damit sie aus der Falle herauskommen. Gerade in ihrem Interesse darf sozialer Missbrauch nicht tabuisiert werden. Ich finde es wichtig, dass wir Tafeln, Sozialkaufhäusern, Suppenküchen oder Bahnhofsmissionen den Rücken stärken, wenn dort bemerkt wird, dass sie plötzlich ein Publikum bekommen, das womöglich gar nicht ihre Zielgruppe ist. Da muss man die Augen aufmachen und schauen, ob es dann in dem speziellen Fall der Unterstützung bedarf. Das war auch die Fragestellung hinter meinem Post.
Wie soll die Bedürftigkeit geklärt werden?
Im Grundsatz muss gelten: Wenn die Sozialgemeinschaft jemandem hilft, dann hat die Sozialgemeinschaft auch einen Anspruch darauf, zu wissen, ob die Person wirklich hilfsbedürftig ist. Das sogenannte Bürgergeld wird jetzt endlich korrigiert. Auch da gehört es meines Erachtens dazu, dass genau hingeschaut wird. In Deutschland gibt es ein herausragendes soziales Sicherungssystem mit herausragenden staatlichen Sozialleistungen. Das ist auch der Grund, warum Deutschland für manche Migranten so attraktiv ist und so viele herkommen wollen. Aber das ist nicht Ziel und Aufgabe unseres Sozialsystems. Wenn sich jemand in Deutschland nicht anstrengen mag, dann müssen die staatlichen Leistungen gekürzt oder sogar eingestellt werden. Die Debatte darüber, was wir machen, damit Hilfsangebote nicht ausgenutzt werden und wie wir mit denjenigen umgehen, die sich über geltende Spielregeln im gesellschaftlichen Zusammenleben hinwegsetzen, muss geführt werden. Über erkannte Missstände hinwegzusehen, ist jedenfalls keine Lösung. Deswegen ist die kontroverse Debatte über meinen Post auch gut. Ich freue mich darüber.










