Machtkampf in der Braunschweiger SPD eskaliert weiter

Das werden keine Freunde mehr: Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (links) und der SPD-Bundestagsabgeordneten Christos Pantazis (rechts). Foto: Stadt Braunschweig/Daniela Nielsen, SPD
Das werden keine Freunde mehr: Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (links) und der SPD-Bundestagsabgeordneten Christos Pantazis (rechts). Foto: Stadt Braunschweig/Daniela Nielsen, SPD

Klage vorm Arbeitsgericht: Stadt kündigt Pantazis’ Schwager als Geschäftsführer des „Hauses der Vielfalt“

Auf dem Rücken des Schwagers des Bundes­tags­ab­ge­ord­neten Christos Pantazis wird der Macht­kampf in der Braun­schweiger Sozial­de­mo­kratie zwischen eben Pantazis und Oberbür­ger­meister Thorsten Kornblum weiter ausge­tragen. Der Zwist geht nun in die nächste pikante Runde.

Pantazis’ Schwager war als Geschäfts­führer des neuen „Hauses der Vielfalt“ von der Volks­hoch­schule Braun­schweig (VHS), Trägerin der Einrich­tung und hundert­pro­zen­tige Tochter der Stadt, einge­stellt worden. Sozial­de­zer­nentin Christina Rentzsch monierte jedoch im Nachgang Verfah­rens­fehler beim Perso­nal­aus­wahl­ver­fahren und kündigte dem Geschäfts­führer noch während der Probezeit. Hinter­grund soll ein Verstoß gegen Compli­ance-Regeln gewesen sein: Denn im Auswahl­gre­mium der VHS saß auch Tanja Pantazis, die Schwester des Bewerbers und Ehefrau des Bundes­tags­ab­ge­ord­neten.

Transparenz gewährleistet

Inzwi­schen beschäf­tigt sich das Arbeits­ge­richt mit dem Fall, wie die Braun­schweiger Zeitung berichtet. Bei dem vorge­schal­teten, jedoch ergeb­nis­losen Gütetermin erklärte der Anwalt des Klägers, der auf Wieder­ein­stel­lung klagt, dass es bei der VHS gar keine Compli­ance-Richt­linie gebe und die Kündigung deshalb unrecht­mäßig sei. Seine Schwester Tanja Pantazis habe das Verwandt­schafts­ver­hältnis bereits vor dem Bewer­bungs­ge­spräch offen­ge­legt und damit für Trans­pa­renz gesorgt. Sowohl die VHS-Aufsichts­rats­vor­sit­zende als auch der Betriebsrat seien darüber infor­miert gewesen. Aufsichts­rats­vor­sit­zende ist Sozial­de­zer­nentin Christina Rentzsch, die demnach von Anfang an einge­bunden war, in Doppel­funk­tion.

Gleich­wohl war die Einstel­lung von Pantazis’ Schwager – bis Sommer 2025 Büroleiter eines Grünen-Bundes­tags­ab­ge­ord­neten und selbst Mitglied der Grünen – hinter vorge­hal­tener Hand bereits als mögliche „Vettern­wirt­schaft“ Thema im Rathaus und in den Fraktionen. Der Kläger vermutet hinter seiner Kündigung politi­sche Einfluss­nahme. Dabei stellt sich die Frage, wer die Initia­tive ergriffen hat, den Fall zu beenden: Hatte Oberbür­ger­meister Kornblum Sorge, dass ihm die Affäre im Wahlkampf schaden könnte? Oder handelte es sich um einen weiteren Schlag gegen seinen inner­par­tei­li­chen Wider­sa­cher Pantazis? Tanja Pantazis ist jeden­falls infolge der Kündigung ihres Bruders bereits aus der SPD ausge­treten, wie die Braun­schweiger Zeitung erfahren haben will.

„Das ist Erpressung“

Der Macht­kampf zwischen Kornblum und Pantazis war 2024 offen ausge­bro­chen. Auslöser war das Beschäf­ti­gungs­ver­hältnis einer Mitar­bei­terin, die in Teilzeit sowohl für den SPD-Bezirk Braun­schweig als auch unter anderem für Pantazis arbeitete. Kornblum setzte beim sogenannten „Soldekk-Verhör“ daraufhin durch, dass Pantazis den Unter­be­zirks­vor­sitz abgeben musste. Das Zerwürfnis war für eine breite Öffent­lich­keit manifes­tiert, die SPD in zwei Lager gespalten. Wenigs­tens durfte der verdiente SPD-Politiker und hervor­ra­gende gesund­heits­po­li­ti­sche Fachpo­li­tiker Pantazis noch einmal für den Bundestag kandi­dieren. Macht­po­li­tiker Kornblum instal­lierte die politi­schen Leicht­ge­wichte Julia Retzlaff und Stefan Hillger als Unter­be­zirks­vor­sit­zende, von denen keine Wider­worte zu erwarten sind.

Die Braun­schweiger Zeitung zitierte seiner­zeit ein SPD-Mitglied mit den Worten: „Das ist Erpres­sung. Pantazis wurde die Pistole auf die Brust gesetzt. Was blieb ihm anderes übrig?“ Ein anderes Partei­mit­glied erklärte: „Das ist die Art von Hinter­zim­mer­po­litik, für die wir uns schämen müssen.“ Zugleich hieß es, die Partei­basis habe mehrheit­lich hinter Pantazis gestanden. Bereits zuvor hatte Kornblum einen Karrie­re­schritt Pantazis‘ verhin­dert, als es um die Nachfolge von Hubertus Heil als Vorsit­zender des SPD-Bezirks ging. Kornblum griff sich selbst das Amt, häufte weitere Macht an. Ein Oberbür­ger­meister in einem hohen Parteiamt ist aller­dings höchst umstritten, da er grund­sätz­lich zur partei­po­li­ti­schen Neutra­lität verpflichtet ist. Für Kornblum gilt das offen­sicht­lich nicht.

Die Perso­nal­ent­schei­dung der VHS zugunsten von Pantazis’ Schwager macht die Zerstrit­ten­heit der Braun­schweiger SPD erneut sichtbar. Hinter­grund ist die Neuauf­stel­lung des ehema­ligen „Hauses der Kulturen“. Die Stadt hatte dem Verein „Haus der Kulturen Braun­schweig“ Ende 2025 die Träger­schaft entzogen und die Zuschüsse einge­froren. Seitdem wird die 2013 gegrün­dete Einrich­tung am Nordbahnhof unter dem Namen „Haus der Vielfalt“ von der VHS weiter­ge­führt. Dem früheren Träger­verein waren Verfeh­lungen bei der Mittel­ver­wen­dung, Missma­nage­ment und interne Macht­kämpfe vorge­worfen worden. Das Gebäude am Nordbahnhof gilt seit 2013 als Ort für inter­kul­tu­relles Leben und gesell­schaft­liche Teilhabe.

SPD-Stress auch in Hannover

Auch in Hannover geraten Sozial­de­mo­kraten derzeit im Zusam­men­hang mit einem Integra­ti­ons­pro­jekt unter Druck, wie der Rundblick Nieder­sachsen berichtet. In diesem Zusam­men­hang ist die frühere SPD-Ratsfrau Hülya Iri bereits zurück­ge­treten. Iri, der von ihr gegrün­dete Verein „Integra­ti­ons­ar­beit Kronsberg“ sowie Iris Tochter Esma B. stehen im Verdacht, öffent­liche Zuschüsse in Höhe von rund einer Million Euro zweck­ent­fremdet oder verun­treut zu haben. Der Verdacht lautet, dass ein Teil des Geldes mögli­cher­weise in private Immobi­li­en­käufe der Familie floss. Medien­be­richten zufolge besitzt die Tochter mehrere Immobi­lien in Hannover. Die Staats­an­walt­schaft ermittelt. Es gilt aber weiterhin die Unschulds­ver­mu­tung.

Bereits als Prüfer des europäi­schen Asyl‑, Migra­tions- und Integra­ti­ons­fonds (AMIF) Unregel­mä­ßig­keiten festge­stellt hatten, beantragte Iri für das geplante Großpro­jekt „Stadt­kom­pass Hannover“ weitere Förder­mittel in Höhe von einer Million Euro. Der Antrag wurde später zurück­ge­zogen, der Verein meldete Insolvenz an. Inzwi­schen ist auch die Europäi­sche Staats­an­walt­schaft in den Fall einge­schaltet.

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