Löwenstadt oder City of Lions?

Screenshot der Titelseite der Stadt Braunschweig. Foto: BiF
Screenshot der Titelseite der Stadt Braunschweig. Foto: BiF

Kritisch unter der Lupe: der neue Werbespruch der Stadt

• Kleinbürgerliche Geltungssucht
• Mangelnde Weltkenntnis

von Alexander Börger

Fällt heutzu­tage der Blick auf die Start­seite der Stadt Braun­schweig, so prangt dort nach „Willkommen in Braun­schweig“ auf einmal „City of Lions“. Was auf den ersten Blick nur aussieht wie ein weiteres Beispiel für Denglisch, ist tatsäch­lich ein in sprach­li­cher Hinsicht vielfach misslun­gener Versuch, vermeint­liche Weltof­fen­heit durch übermä­ßigen Einsatz der engli­schen Sprache zu demons­trieren, wobei unberück­sich­tigt bleibt, dass viele Besucher Braun­schweigs Englisch gar nicht oder nur schlecht und schon gar nicht auf mutter­sprach­li­chem Niveau sprechen.

Tradi­tio­nell gilt Braun­schweig als „Löwen­stadt“. Immerhin finden sich beim Bedienen der Suchfunk­tion auch noch etliche Unter­seiten von www.braunschweig.de, die genau diesen Begriff benutzen. Das hat auch seinen guten Grund, denn Braun­schweig wurde von Heinrich dem Löwen gegründet und das Wahrzei­chen der Stadt ist seit Jahrhun­derten die Plastik des auf dem Braun­schweiger Burgplatz ausge­stellten Löwen, der übrigens von einem Künstler geschaffen wurde, der nie einen echten Löwen gesehen hatte.

Kein Symbol der Mehrzahl

Braun­schweig war also nie die Stadt eines Löwen­ru­dels, sondern hat seinen Spitz­namen nach genau einem Löwen bekommen, entweder nach Heinrich dem Löwen oder nach dem Löwen auf dem Burgplatz. In „Löwen­stadt“ ist das ‑n also kein Symbol der Mehrzahl, sondern es stammt entweder aus der Zusam­men­set­zung eines Genitivs mit nachge­stelltem Substantiv (also „des Löwen Stadt“) oder es nutzt ein sogenanntes Fugen‑n, wie es auch in Wörtern wie der Sonnen­fins­ternis vorkommt, bei der ja keines­wegs mehreren Sonnen verfins­tert werden, sondern nur die eine, um die die Erde kreist.

Konse­quen­ter­weise geben automa­ti­sche Überset­zungs­seiten wie google translate beim Begriff Löwen­stadt auch Lion City als Überset­zung heraus. Und wenn man schon glaubt, sich auf einen Plural beziehen zu müssen, wäre „The Lions’ City“ wohl die angemes­se­nere Überset­zung gewesen.

Es wird aber noch schlimmer, denn der Spruch geht ja los mit „Willkommen in Braun­schweig“, zumindest auf der deutschen Seite. Auf der engli­schen Seite ist es „Welcome to Brunswick“. Das falsche „City of Lions“ zieht sich aber durch alle fremd­spra­chigen Auftritte, sogar den chine­si­chen, ukrai­ni­schen und russi­schen und mutet damit sogar den Mutter­sprach­lern jener Sprachen, in denen Angli­zismen kaum oder gar nicht vorkommen, einen kuriosen Sprach- und Schrift­misch­masch zu, wobei das in der Bevöl­ke­rung weitge­hend unbekannte „City of Lions“ (man frage mal einge­fleischte Braun­schweiger, wann und wo sie das je gehört haben) offen­sicht­lich den neuen Claim darstellen soll, wie es in der Werbe­sprache heißt.

Peinlicher Provinzialismus

Tatsäch­lich entlarvt sich in dem Ganzen aber ein peinli­cher Provin­zia­lismus, der sich aus schlechten Kennt­nissen der Grammatik der deutschen Sprache, schlechten Englisch­kennt­nissen und schlechten Kennt­nissen der Gepflo­gen­heiten in den wichtigsten großen Weltspra­chen wie Franzö­sisch, Spanisch, Portu­gie­sisch oder Chine­sisch, wo derartige Verball­hor­nungen der eigenen Mutter­sprache völlig unüblich sind, zusam­men­setzt. Statt Weltof­fen­heit zeigt „City of Lions“ also genau das Gegenteil, nämlich klein­bür­ger­liche Geltungs­sucht und mangelnde Weltkenntnis.

Etwas anderes hätte der Stadt ohnehin viel besser getan, nämlich Bezug auf die nieder­deut­sche Sprache zu nehmen, der die Stadt immerhin ihren engli­schen Namen Brunswick, der auch in den romani­schen Sprachen genutzt wird, verdankt und der dank „New Brunswick“ in Kanada weltweit viel bekannter sein dürfte als der hochdeut­sche. Zumal das Nieder­deut­sche in der Stadt Braun­schweig lange die Kanzlei­sprache war, was mit Braun­schweigs Vergan­gen­heit als Hanse­stadt zusam­men­hängt.

Babylonische Sprachverwirrung

An ein schnelles Ende der babylo­ni­schen Sprach­ver­wir­rung ist aller­dings wohl nicht zu denken, da Braun­schweig es geschafft hat, etwa auch den Spruch „Land & Lions“ zum Motto des Tages der Nieder­sachsen 2026, den die Stadt ausrichtet, zu machen. Auch dieses Motto strotzt nur so vor sprach­li­chen Merkwür­dig­keiten – angefangen beim ortho­gra­phisch falschen Et-Zeichen, dass nur in Handels­namen verwendet werden soll, über die unklare Aussprache von „Land“ (wie „Länd“ in „The Länd“, als das sich Baden-Württem­berg neuer­dings meint präsen­tieren zu müssen? – oder doch wie „Land“ in „Land und Leute“?) bis hin zur Frage, welche „Lions“ hier denn eigent­lich gemeint sind – die meisten aus Braun­schweig und Umgebung denken bei „Lions“ nämlich an die American-Football-Mannschaft, womit aber in „Land & Lions“ die Bedeutung als inter­na­tional auch renom­mierte Fußball- und Tanzsport­stadt Braun­schweig gerade nicht zur Geltung kommt.

Fazit: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ bezie­hungs­weise „Braun­schweig, bleib bei deiner Sprache!“. Einzig Till Eulen­spiegel dürfte an „City of Lions“ seine Freude gehabt haben.

Dr. Alexander Börger ist Mitglied des Vorstands des Vereins Deutsche Sprache und Regio­nal­leiter für das Gebiet Braun­schweig.

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