Karneval ist Kitt für die Gesellschaft

Der Altstadtmarkt ist eine wunderbare Kulisse für den Schoduvel. Foto: Stadtmarketing/Daniel Möller
Der Altstadtmarkt ist eine wunderbare Kulisse für den Schoduvel. Foto: Stadtmarketing/Daniel Möller

Der Schoduvel setzt am 15. Februar erneut ein Zeichen für Toleranz, Freiheit und Fröhlichkeit

Das Wort „Karneval“ entstand wohl aus dem latei­ni­schen „carne levare“ („Fleisch wegnehmen“). Seit vielen Jahrhun­derten feiern Menschen ausge­lassen bis Ascher­mitt­woch, weil dann die tradi­tio­nelle, bis Ostern dauernde Fasten­zeit beginnt. Aus dem einst „christ­li­chen“ Brauchtum, bei dem schon immer gerne die Herrschenden auf die Schippe genommen wurden, ist längst ein fröhli­ches Fest für jedermann geworden, ohne dass Bildung, sozialer Status oder Herkunft bedeutend wären. Karneval hat sich, dort, wo er ausgiebig gefeiert wird, zum Kitt für die Gesell­schaft entwi­ckelt. So ist das auch in Braun­schweig mit dem bedeu­tendsten Karne­vals­umzug Norddeutsch­lands und der deutschen Nummer vier hinter Köln, Düssel­dorf und Mainz.

NDR überträgt live

Tradi­tio­nell findet der seit 2005 „Schoduvel“ genannte Umzug am Sonntag vor dem Rosen­montag statt. In diesem Jahr ist es der 15. Februar. Der Norddeut­sche Rundfunk überträgt von 13 bis 16 Uhr direkt. Erwartet werden zum 48. Braun­schweiger Karne­valszug erneut rund 250.000 Besucher. Mehr als 5.000 aktive Teilnehmer in Musik- und Spiel­manns­zügen sowie rund 130 Motiv­wagen werden für Unter­hal­tung und ausge­las­sene Stimmung sorgen. Von 12.40 Uhr an zieht der Tross vom Europa­platz aus durch die Innen­stadt. Der Schoduvel, eine Teufels­ge­stalt mit furcht­erre­gender Holzmaske, wird dabei von Hexen symbo­lisch für die bösen Geister der Kälte vertrieben und der Weg für den Frühling freige­räumt. Angesichts der aktuellen Wetter­lage wird das auch besonders nötig sein.

Die Menschen im Braun­schweiger Land identi­fi­zieren sich mit ihrem Karneval, stellt Braun­schweigs Ehren­bürger und früherer Oberbür­ger­meister in seinem Vorwort des Buches „Von der Fastnacht zum Karneval im Braun­schweiger Land“ (2016) fest. Er hebt darin die Linie vom Karneval zur Figur Till Eulen­spiegel, die ein Kind dieser Region ist, hervor. Deswegen ist Till tradi­ti­ons­gemäß Teil des Braun­schweiger Dreige­stirns, das in diesem Jahr von Prinz Andreas II., dem Bruder des früheren Braun­schweiger Oberbür­ger­meis­ters Ulrich Markurth, angeführt wird. Komplet­tiert wird das Dreige­stirn durch den Bauern, einer weiteren Tradi­ti­ons­figur.

Der Schoduvel ist Norddeutschlands größter Karnevalsumzug. Foto: Stadtmarketing/Daniel Möller
Der Schoduvel ist Norddeutsch­lands größter Karne­vals­umzug. Foto: Stadtmarketing/Daniel Möller

Identitätsstiftender Schoduvel

Mit Till, so Gerhard Glogowski, wird die kultur­ge­schicht­liche und sozial­ge­sell­schaft­liche Entwick­lung in einem regio­nalen Kontext beschrieben. „In diesem Rahmen hat sich Karneval auch als identi­täts­stif­tender Aspekt im Braun­schwei­gi­schen Land heraus­kris­tal­li­siert. Der Karne­valszug ‚Schoduvel‘ ist Ausdruck tiefer Verbun­den­heit“, meint Gerhard Glogowski, auf dessen Initia­tive hin 1979 das närrische Karne­vals­treiben mit dem ersten Umzug für Kinder in Braun­schweig neu belebt wurde.

In Braun­schweig hat Karneval (Fastnacht) eine 733 Jahre alte Tradition und gilt damit als älter als die Narretei in Köln. Bereits im Jahre 1293 ist der Schoduvel nachweisbar. Dass Karneval Kultur ist, sieht auch die Deutsche UNESCO-Kommis­sion so. 2014 wurden der „Rheini­sche Karneval mit all seinen lokalen Varianten“ und die „Schwä­bisch-aleman­ni­sche Fastnacht“ in das bundes­weite Verzeichnis immate­ri­ellen Kultur­erbes aufge­nommen. Karneval schaffe eine Plattform, die Menschen unter­schied­li­cher Hinter­gründe, Alters­gruppen und sozialer Schichten zusam­men­bringe. Durch gemein­same Feiern und Aktivi­täten entstehe ein starkes Gemein­schafts­ge­fühl, das zur sozialen Integra­tion und zum Zusam­men­halt beiträgt.

Soziale Schichten überbrückt

Die hohe gesell­schaft­liche Bedeutung des Karnevals, das soziale Schichten überbrückt und Identität stiftet, unter­streicht das diesjäh­rige Motto des Schodu­vels. Das Komitee Braun­schweiger Karneval, der Zusam­men­schluss der drei Braun­schweiger Karne­vals­ver­eine, entschied sich für „Der Schoduvel kommt mit voller Macht, die Sicher­heit hält alles sacht“. Einge­gangen waren insgesamt 116 Vorschläge aus der Bevöl­ke­rung, der von Andrea Pech gewann. Der Braun­schweiger Karne­valszug sei ein Fest der Freude und des Mitein­an­ders. Wer respekt­voll mit anderen umgehe, auf sich und seine Umgebung achte und maßvoll genieße, sorge dafür, dass die ‚fünfte Jahres­zeit‘ unver­gess­lich bleibt – im besten Sinne. Denn unver­gessen sind auch die beiden Absagen 2015 wegen einer akuten Terror­war­nung und 2022 aufgrund eines gefälschten Absage­briefs.

Jugendarbeit Komitees Braunschweiger Karneval, und links (von links) Alina Krenge (BKG), Svenja Ketelhut, (BKG), Kerstin Knackstedt (MKG), Janine Schwieger (KVR) die Trainerinnen der drei Garden. Foto: Siegfried Nickel
Jugend­ar­beit Komitees Braun­schweiger Karneval, und links (von links) Alina Krenge (BKG), Svenja Ketelhut, (BKG), Kerstin Knack­stedt (MKG), Janine Schwieger (KVR) die Traine­rinnen der drei Garden. Foto: Siegfried Nickel

Wörtlich heißt es auf der Seite der Deutschen UNESCO-Kommis­sion: „Nach Notzeiten setzte das Fest Impulse zum Wieder­aufbau und Flücht­linge vermochten durch aktive Mitge­stal­tung Wurzeln in der neuen Heimat zu schlagen. Die Willkom­mens­kultur des Karnevals wirkt sehr einladend. Migranten finden in ihm einen einfachen Zugang zur regio­nalen Gemein­schaft. Gemeinsam ‚jeck‘ zu sein, sich verkleiden, in andere Rollen zu schlüpfen und ausge­lassen zu feiern, gehört ebenso zum Karne­vals­fest wie das ehren­amt­liche und soziale Engage­ment.“

Bürgerschaftliches Engagement

Karneval funktio­niert im Wesent­li­chen dank bürger­schaft­li­chen Engage­ments. In Braun­schweig stehen dafür zualler­erst die drei Karne­vals­ver­eine Braun­schweiger Karneval-Gesell­schaft von 1872, Karneval-Verei­ni­gung der Rhein­länder Braun­schweig von 1922 und Masche­roder Karne­val­ge­sell­schaft Rot-Weiß von 1965. Der Einsatz ihrer Mitglieder ermög­licht den Umzug, die Prunk­sit­zungen und nicht zuletzt die Jugend­ar­beit. Das Komitee Braun­schweiger Karneval hat dafür die Karne­va­lis­ti­sche Tanzsport­ge­mein­schaft (KTG) als Abteilung für gemein­same Trainings- und Ausbil­dungs­ar­beit, Auftritte und Turniere gegründet. Unter­teilt wird in Welfen-Garde (Jugend, 6 bis 10 Jahre), Löwen-Garde (Junioren, 11 bis 14 Jahre) und Brunonia-Garde (U15). Ihre Auftritte werden beim Schoduvel, so wie jedes Jahr, auch diesmal sicher wieder mit großem Beifall bedacht.

Hinweis

Der Schoduvel genießt weit über die Stadt­grenzen hinaus Strahl­kraft und Relevanz. So bietet der Verkehrs­ver­bund Region Braun­schweig (VRB) erneut ein Armbänd­chen als Fahrschein für Bus und Bahn an. Statt mit dem Auto anzureisen, können alle Narren für acht Euro alle Busse und Regio­nal­bahnen für die An- und Abfahrt nutzen. Das Armbänd­chen kann bei den Verkaufs­stellen der Verkehrs­be­triebe im Bereich Braun­schweig erworben werden. Das Angebot gilt im gesamten Verbund­ge­biet für die Städte Braun­schweig, Salzgitter und Wolfsburg sowie für die Landkreise Gifhorn, Goslar, Helmstedt, Peine und Wolfen­büttel.

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