Kompromiss vor 20 Jahren: Die Braunschweigische Landessparkasse wurde selbstständig
● Historischer Rückschlag unter Kornblum
● Braunschweig erneut ausgebootet
Mit einem Paukenschlag begann im Herbst 2005 der so genannte niedersächsische „Sparkassen-Krieg“, den der damalige Braunschweiger Oberbürgermeister Gert Hoffmann mit dem niedersächsischen Finanzminister Hartmut Möllring führte. Am Ende stand 2007 dank eines Kompromisses ein großer Erfolg für das Braunschweiger Land. Im Fachchinesisch hieß das: Die Braunschweigische Landessparkasse (BLSK) wurde eine teilrechtsfähige Anstalt unter dem Dach der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB). Im Klartext bedeutete das mehr Eigenständigkeit, mehr Einfluss und mehr Kompetenzen zum Nutzen der Kommunen im Braunschweiger Land.
Zuvor hatte die Landesregierung in Hannover erstmals den Braunschweiger Oberbürgermeister bei der Besetzung des Aufsichtsrates der Norddeutschen Landesbank nicht berücksichtigt und den Auslöser für den rund zwei Jahre währenden Streit geliefert. Denn damit war das Braunschweiger Land in diesem wichtigen Gremium nicht vertreten. Die bisherige Braunschweiger Präsenz war ein Ausgleich dafür, dass 1970 die einstige Braunschweigische Staatsbank in der neu gegründeten Norddeutschen Landesbank aufgegangen war.
Große Empörung
Der Affront gegen Braunschweig löste im Braunschweiger Land große Empörung aus und gipfelte in der Ankündigung Hoffmanns, eine eigene Braunschweigische Sparkasse gründen zu wollen. Die Kommunen im Braunschweiger Land gehörten zu den ganz wenigen in Deutschland, die über keine eigene Sparkasse verfügten und demzufolge finanzielle und andere Nachteile in Kauf nehmen mussten. Die Sparkassenfunktion nahm für die Region die Landessparkasse in Trägerschaft der Norddeutschen Landesbank wahr, an der die Kommunen so gut wie keine Mitspracherechte hatten.
In Hannover wurde Hoffmanns Ankündigung heruntergespielt, weil sie angeblich nur auf der verletzten Eitelkeit des Braunschweiger Oberbürgermeisters beruhe. Dabei war auch in der Landeshauptstadt bekannt, dass Pläne für eine eigene Braunschweigische Sparkasse schon seit langer Zeit bestanden und Hoffmann bald nach seinem Amtsantritt entsprechende Initiativen ergriffen hatte.
Nachdem vertrauliche Gespräche der kommunalen Vertreter mit der Landesregierung und dem Sparkassenverband 2003 ergebnislos geblieben waren, handelte Hoffmann in Absprache mit seinen Kollegen und beauftragte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, ein konkretes Geschäftsmodell für eine kommunale Braunschweigische Sparkasse auszuarbeiten. Das Ergebnis lag 2005 vor und war in seiner grundsätzlichen Tendenz dem Vorstand der Nord/LB bereits mitgeteilt worden.
Andere Banken im Gespräch
Ernst nahm man das in Hannover offenbar nicht, erst als Hoffmann öffentlich und untersetzt mit rechtlichen Argumenten den Plan der Sparkassengründung publik machte, reagierten Landesregierung, Landesbank und Sparkassenorganisation erschrocken und aufgeregt. Vor allem, weil Hoffmann ankündigte, man werde gegebenenfalls wegen der für die Umsetzung erforderlichen Finanzmittel die fachliche Unterstützung bei einer anderen Bank suchen.
Das war ein unmittelbarer Angriff auf das deutsche Sparkassenmodell mit Wirkung über Braunschweig und Niedersachsen hinaus. Entsprechend groß war das mediale Echo. Die Pressekonferenzen des Oberbürgermeisters in Braunschweig waren von bundesweitem Interesse und fanden unter großer Präsenz überregionaler Medien statt. Der Sparkassen-Präsident war genauso alarmiert wie Ministerpräsident Christian Wulff. Da sein Finanzminister zu keinem Nachgeben gegenüber Braunschweig bereit war, zog Wulff ihn aus dem Verkehr und beauftragte mit der Verhandlungsführung für das Land den Chef der Staatskanzlei, Staatssekretär Lothar Hagebölling, der Braunschweiger war.
Mit ihm und dem damaligen Vorsitzenden der Landesbank, Hannes Rehm, kam es zu konstruktiven Gesprächen, eine Einigung schien nun in Sicht. Hoffmann allerdings ließ im Druck nicht nach, sondern ließ durch KPMG eine andere Bank als Partner suchen – und fand sie. Jetzt war er in einer exzellenten Verhandlungsposition. In Hannover wusste man das. Die Medien machten mit dem Thema Monate lang auf. Wulff machte sich wegen der anstehenden Landtagswahl Sorgen um die Stimmen aus dem Braunschweiger Land.
Finanzminister störte ständig
In zähen Verhandlungen – immer wieder gestört durch Finanzminister Möllring, der um seine Autorität fürchtete – kam es zu einer kompromisshaften Lösung: Die Landessparkasse wurde umgestaltet zu einer eigenen Rechtspersönlichkeit mit eigenen Organen, die von den Kommunen des Braunschweiger Landes entscheidend beeinflusst wurden: Ein Verwaltungsrat unter Vorsitz des Braunschweiger Oberbürgermeisters mit entscheidenden Beschlusskompetenzen für die Braunschweigische Landessparkasse und kommunaler Mehrheit, ein Kreditausschuss wie bei jeder Sparkasse (unter Vorsitz des Oberbürgermeisters), der vor allem für die regionale Wirtschaft wichtig war, und ein Förderausschuss (ebenfalls unter Vorsitz des Oberbürgermeisters), der über das wichtige Sponsoring der Landessparkasse zu entscheiden hatte. Dazu hatten die Kommunen jetzt Vorschlagsrecht für einen der drei Vorstände der Landessparkasse und ein Mitspracherecht bei den anderen. Weitere kleinere Verbesserungen kamen dazu.
Als das Ergebnis 2007 bekannt gegeben wurde, löste es großes Erstaunen in den überregionalen Medien und Freude im Braunschweiger Land aus. Natürlich musste der Finanzminister auch Oberbürgermeister Hoffmann wieder in den Aufsichtsrat zurückholen. Noch während seiner Amtszeit erreichten Hoffmann und später sein Nachfolger Ulrich Markurth weitere Verbesserungen für Braunschweig.
Eigenständigkeit nicht erreicht
Allerdings wurde das große Ziel, eine wirklich eigenständige Sparkasse ohne die Nord/LB zu betreiben, nicht erreicht. Dem verweigerte sich die Landesregierung beharrlich und auch die Norddeutsche Landesbank lehnte diese alte Braunschweiger Idee kategorisch ab.
Der jetzige Braunschweiger Oberbürgermeister Thorsten Kornblum nahm es hin, dass der Vorstandsvorsitzende der Braunschweigischen Landessparkasse mit dem Wechsel von Christoph Schulz zu Ingo Lippmann am 1. Januar 2024 erstmalig nicht mehr im Vorstand der Nord/LB vertreten ist – und damit auch das Braunschweiger Land faktisch nicht mehr. Hoffmanns Erfolg mit dem Verteidigen des Vorstandssitzes aus dem Jahr 2007 ist damit konterkariert.
Vollmundige Ankündigungen
Angesichts kleinerer Zugeständnisse in Bezug auf die Landessparkasse feierte Kornblum diesen historischen Rückschlag sogar noch als persönlichen Erfolg. Inzwischen kündigte er mehrfach an, er werde eine Einigung mit der rot-grünen Landesregierung, der Norddeutschen Landesbank und dem Sparkassenverband erzielen, um eine eigenständige Braunschweigische Sparkasse zu erreichen.
Danach sieht es bisher nicht aus. Es bleibt abzuwarten, ob Kornblum das bis zur Kommunalwahl 2026 mit seinen großen parteipolitischen Beziehungen – er ist schließlich Bezirksvorsitzender der SPD und damit in der Niedersachsen-SPD einer der wichtigsten Politiker – tatsächlich erreichen wird. Fachleute sehen die Erfolgsaussichten als gering an. Kornblum avisierte wichtige Gespräche für dieses Jahr.










