Flüssiger Nord-Süd-Verkehr in Gefahr

Der autofreie Bohlweg mit Schlossplatz nach einer Planung des Büros Albret Speert (Frankfurt). Foto: Albert Speer + Partner, Frankfurt mit eigener Abteilung Landschaftsarchitektur
Der autofreie Bohlweg mit Schlossplatz nach einer Planung des Büros Albret Speert (Frankfurt). Foto: Albert Speer + Partner, Frankfurt mit eigener Abteilung Landschaftsarchitektur

Korrespondierende Bauprojekte Bohlweg und Kurt-Schumacher-Straße könnten zum Problem für Autofahrer werden

Der Bohlweg mit dem früheren Horten-Kaufhaus und das Bahnhofs­um­feld mit der Kurt-Schuma­cher-Straße zählen fürwahr nicht zu den attrak­tivsten Quartieren Braun­schweigs. Sie aufwerten zu wollen, ist demzu­folge ein nachvoll­zieh­bares Ziel. Aller­dings eher für kommende Jahrzehnte, denn die notwen­digen Finanz­mittel dafür hat die hochver­schul­dete Stadt auf lange Sicht nicht. Es sei denn, sie will auch das wieder auf Pump und zulasten kommender Genera­tionen rücksichtslos durch­drü­cken. Vermeint­lich haben beide offenbar im Wolken­ku­ckucks­heim unabhängig vonein­ander entstan­denen Wünsche nichts mitein­ander zu tun. Aber ein Blick auf die von Archi­tek­tur­büros visua­li­sierten Verkehrs­füh­rungen hier wie dort offenbart doch einen schwie­rigen Zusam­men­hang, der zu ernsten Verkehrs­pro­blemen für Autofahrer führen könnte.

Wünschenswert, aber nicht notwendig

Denn beiden verwe­genen Planungen ist gemein, dass sie dem motori­sierten Indivi­du­al­ver­kehr zugunsten von vor allem Radfah­rern, Fußgän­gern und Grünflä­chen den Kampf angesagt haben. Sowohl der Bohlweg als auch die Kurt-Schuma­cher-Straße sind jedoch neben Gülden- und Sonnen­straße die wichtigsten Nord-Süd-Verkehrs­adern. Selbst­ver­ständ­lich wären Anpas­sungen wünschens­wert, aber sie sind eben nicht zwingend notwendig und sollten deswegen angesichts der Haushalts­lage bis auf Weiteres unter seriösen kommu­nal­po­li­ti­schen Aspekten nicht ernsthaft erwogen werden.

Der 1. Preis im Wettbewerb zur Umgestaltung des Bahnhofumfelds sieht die Kurt-Schumacher-Straße nur noch einspurig in Nord- und Südrivchtung. Foto: WELPvonKLITZING Architekten Stadtplaner // BM Consult // GTL Landschaftsarchitektur
Der 1. Preis im Wettbe­werb zur Umgestal­tung des Bahnhof­um­felds sieht die Kurt-Schuma­cher-Straße nur noch einspurig in Nord- und Südrich­tung. Foto: WELPvon­KLITZING Archi­tekten Stadt­planer // BM Consult // GTL Landschafts­ar­chi­tektur

Nichts­des­to­trotz wurden für den Bohlweg von den sechs am städte­bau­li­chen Gestal­tungs­wett­be­werb betei­ligten Archi­tek­tur­büros sogar einige Entwürfe ohne jeglichen Autover­kehr vorgelegt. Dabei wäre es viele nahelie­gender zunächst die überdi­men­sio­nierte Georg-Eckert-Straße für eine bessere Anbindung des Magni­vier­tels und des ehema­ligen Horten-Gebäudes kosten­günstig zurück­zu­bauen. Damit würde zudem eine histo­ri­sche Verbin­dung, die einst vom Schloss zum Ackerhof führte, wieder belebt. Die Kurt-Schuma­cher-Straße soll nach dem Sieger­ent­wurf deutlich verengt werden und droht zu einem Nadelöhr zu werden. Sollten beide Projekte so umgesetzt werden, würde das gravie­rende Auswirk­lungen auf den Verkehrs­fluss nach sich ziehen.

Differenzen der Partner

Das Wettbe­werbs­ver­fahren für den Bohlweg trägt den Titel „BOMA +“. Der Name resul­tiert aus dem Wortst­spiel BOhlweg, MAgni­viertel plus Umfeld. Nach Diffe­renzen zwischen den Koope­ra­ti­ons­part­nern Stadt und Volksbank BraWo, Eigen­tü­merin des maroden Kaufhauses, war der Prozess ins Stocken geraten. Dem Vernehmen nach war es um Visionen der Verkehrs­füh­rung gegangen. Ausdrück­lich hieß es seitens der Stadt, dass der Bohlweg als bedeu­tende Nord-Süd-Achse für alle Verkehrs­arten grund­sätz­lich zu berück­sich­tigen sei.

„Eine Verschie­bung oder gar Verlegung von Stadt­bahn­gleisen darf kein Entwurfs­an­satz sein. In einer ersten Umset­zungs­phase müssen zumindest einspu­rige Fahrre­la­tionen in Nord-Süd und in Süd-Nord Richtung im Bereich des Schloss­platzes vorge­sehen werden“, hieß es. Einige Entwürfe haben jedoch Abstand von dieser Prämisse genommen. Offenbar präfe­riert die Volksbank BraWo eine Lösung weitge­hend ohne Verkehr. Allein die Vorstufe bis zu einer in den Sternen stehenden Entschei­dung wird rund 600.000 Euro kosten, die sich Stadt und Volksbank teilen.

Am 12. Februar findet ein weiterer Workshop zu „BOMA +“. statt, an dem die Jury noch einmal direkt mit den Archi­tek­tur­büros kommu­ni­zieren und entspre­chende Weichen­stel­lungen vornehmen kann, teilt die Stadt­ver­wal­tung mit. Es sei ein Vorteil des angewen­deten koope­ra­tiven Verfah­rens, dass während des Planungs­pro­zesses gezielt Fehlent­wick­lungen vermieden werden könnten. Am 2. April sollen die finalen Bewer­bungen vorliegen. Die Jury-Entschei­dung soll am 19. Mai fallen.

Autogerechte Stadt am Pranger

Eine Entschei­dung im städte­bau­li­chen Gestal­tungs­wett­be­werb zum Bahnhofs­um­feld ist dagegen bereits gefallen. Der siegreiche Entwurf stammt vom Büro WELPvon­KLITZING Archi­tekten Stadt­planer. In den Anfor­de­rungen für die Wettbe­werbs­teil­nehmer hieß es: „Das Umfeld nordwest­lich des Haupt­bahn­hofs, dessen städte­bau­liche und funktio­nale Struk­turen auf dem Leitbild einer autoge­rechten Stadt basieren, entspricht heute mit seinen großflä­chigen Verkehrs­räumen nicht mehr den Anfor­de­rungen an eine zukunfts­ori­en­tierte Stadt­ent­wick­lung. … Alle Verkehrs­an­lagen sind so zu planen und zu dimen­sio­nieren, dass die von den Wettbe­werbs­teil­neh­mern plausibel angenom­menen Verkehrs­mengen des ggf. verla­gerten Verkehrs und des neu hinzu­kom­menden Gebiets­ver­kehrs leistungs­fähig und sicher abgewi­ckelt werden können. Jedoch sollen auch überflüs­sige Verkehrs­flä­chen identi­fi­ziert und für bauliche Nutzungen freige­geben werden.“

In letzter Konse­quenz bedeutet das nichts anderes als den Wunsch nach der am radikalsten, aber gerade noch verträg­li­chen Verdrän­gung des motori­sierten Indivi­du­al­ver­kehrs. „Die Kurt-Schuma­cher-Straße wird entspre­chend ihrer geringen Bedeutung im Straßen­netz … als Anlie­ger­straße und Busver­bin­dung zurück gebaut“, hieß es in der Verwal­tungs­vor­lage für den Rat, der mehrheit­lich zugestimmt hat. So wurde es dann auch im Sieger­ent­wurf umgesetzt.

Schon einmal verworfen

Wenn die beiden Projekte überhaupt jemals reali­siert werden sollten, darf das nicht ohne ein wissen­schaft­li­ches Verkehrs­gut­achten erfolgen. Es muss eindeutig geklärt sein, dass sich die Ein- und Ausfahrt von und nach Süden für Pendler, Kunden der Innen­stadt und Besucher nicht verschlech­tert. Das wäre kontra­pro­duktiv für die Attrak­ti­vität der Stadt, der ja eine Aufwer­tung durch Verdrän­gung des Automo­bils, siehe Pocket Park Kannen­gie­ßer­straße, nicht immer gelingt. Übrigens war im Vorfeld der Schloss-Rekon­struk­tion schon einmal erwogen worden, den Bohlweg autofrei zu gestalten. Doch das Ansinnen der Städte­planer wurde nach einem aussa­ge­kräf­tigen Verkehrs­gut­achten zu den Akten gelegt.

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