Korrespondierende Bauprojekte Bohlweg und Kurt-Schumacher-Straße könnten zum Problem für Autofahrer werden
Der Bohlweg mit dem früheren Horten-Kaufhaus und das Bahnhofsumfeld mit der Kurt-Schumacher-Straße zählen fürwahr nicht zu den attraktivsten Quartieren Braunschweigs. Sie aufwerten zu wollen, ist demzufolge ein nachvollziehbares Ziel. Allerdings eher für kommende Jahrzehnte, denn die notwendigen Finanzmittel dafür hat die hochverschuldete Stadt auf lange Sicht nicht. Es sei denn, sie will auch das wieder auf Pump und zulasten kommender Generationen rücksichtslos durchdrücken. Vermeintlich haben beide offenbar im Wolkenkuckucksheim unabhängig voneinander entstandenen Wünsche nichts miteinander zu tun. Aber ein Blick auf die von Architekturbüros visualisierten Verkehrsführungen hier wie dort offenbart doch einen schwierigen Zusammenhang, der zu ernsten Verkehrsproblemen für Autofahrer führen könnte.
Wünschenswert, aber nicht notwendig
Denn beiden verwegenen Planungen ist gemein, dass sie dem motorisierten Individualverkehr zugunsten von vor allem Radfahrern, Fußgängern und Grünflächen den Kampf angesagt haben. Sowohl der Bohlweg als auch die Kurt-Schumacher-Straße sind jedoch neben Gülden- und Sonnenstraße die wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsadern. Selbstverständlich wären Anpassungen wünschenswert, aber sie sind eben nicht zwingend notwendig und sollten deswegen angesichts der Haushaltslage bis auf Weiteres unter seriösen kommunalpolitischen Aspekten nicht ernsthaft erwogen werden.

Nichtsdestotrotz wurden für den Bohlweg von den sechs am städtebaulichen Gestaltungswettbewerb beteiligten Architekturbüros sogar einige Entwürfe ohne jeglichen Autoverkehr vorgelegt. Dabei wäre es viele naheliegender zunächst die überdimensionierte Georg-Eckert-Straße für eine bessere Anbindung des Magniviertels und des ehemaligen Horten-Gebäudes kostengünstig zurückzubauen. Damit würde zudem eine historische Verbindung, die einst vom Schloss zum Ackerhof führte, wieder belebt. Die Kurt-Schumacher-Straße soll nach dem Siegerentwurf deutlich verengt werden und droht zu einem Nadelöhr zu werden. Sollten beide Projekte so umgesetzt werden, würde das gravierende Auswirklungen auf den Verkehrsfluss nach sich ziehen.
Differenzen der Partner
Das Wettbewerbsverfahren für den Bohlweg trägt den Titel „BOMA +“. Der Name resultiert aus dem Wortstspiel BOhlweg, MAgniviertel plus Umfeld. Nach Differenzen zwischen den Kooperationspartnern Stadt und Volksbank BraWo, Eigentümerin des maroden Kaufhauses, war der Prozess ins Stocken geraten. Dem Vernehmen nach war es um Visionen der Verkehrsführung gegangen. Ausdrücklich hieß es seitens der Stadt, dass der Bohlweg als bedeutende Nord-Süd-Achse für alle Verkehrsarten grundsätzlich zu berücksichtigen sei.
„Eine Verschiebung oder gar Verlegung von Stadtbahngleisen darf kein Entwurfsansatz sein. In einer ersten Umsetzungsphase müssen zumindest einspurige Fahrrelationen in Nord-Süd und in Süd-Nord Richtung im Bereich des Schlossplatzes vorgesehen werden“, hieß es. Einige Entwürfe haben jedoch Abstand von dieser Prämisse genommen. Offenbar präferiert die Volksbank BraWo eine Lösung weitgehend ohne Verkehr. Allein die Vorstufe bis zu einer in den Sternen stehenden Entscheidung wird rund 600.000 Euro kosten, die sich Stadt und Volksbank teilen.
Am 12. Februar findet ein weiterer Workshop zu „BOMA +“. statt, an dem die Jury noch einmal direkt mit den Architekturbüros kommunizieren und entsprechende Weichenstellungen vornehmen kann, teilt die Stadtverwaltung mit. Es sei ein Vorteil des angewendeten kooperativen Verfahrens, dass während des Planungsprozesses gezielt Fehlentwicklungen vermieden werden könnten. Am 2. April sollen die finalen Bewerbungen vorliegen. Die Jury-Entscheidung soll am 19. Mai fallen.
Autogerechte Stadt am Pranger
Eine Entscheidung im städtebaulichen Gestaltungswettbewerb zum Bahnhofsumfeld ist dagegen bereits gefallen. Der siegreiche Entwurf stammt vom Büro WELPvonKLITZING Architekten Stadtplaner. In den Anforderungen für die Wettbewerbsteilnehmer hieß es: „Das Umfeld nordwestlich des Hauptbahnhofs, dessen städtebauliche und funktionale Strukturen auf dem Leitbild einer autogerechten Stadt basieren, entspricht heute mit seinen großflächigen Verkehrsräumen nicht mehr den Anforderungen an eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung. … Alle Verkehrsanlagen sind so zu planen und zu dimensionieren, dass die von den Wettbewerbsteilnehmern plausibel angenommenen Verkehrsmengen des ggf. verlagerten Verkehrs und des neu hinzukommenden Gebietsverkehrs leistungsfähig und sicher abgewickelt werden können. Jedoch sollen auch überflüssige Verkehrsflächen identifiziert und für bauliche Nutzungen freigegeben werden.“
In letzter Konsequenz bedeutet das nichts anderes als den Wunsch nach der am radikalsten, aber gerade noch verträglichen Verdrängung des motorisierten Individualverkehrs. „Die Kurt-Schumacher-Straße wird entsprechend ihrer geringen Bedeutung im Straßennetz … als Anliegerstraße und Busverbindung zurück gebaut“, hieß es in der Verwaltungsvorlage für den Rat, der mehrheitlich zugestimmt hat. So wurde es dann auch im Siegerentwurf umgesetzt.
Schon einmal verworfen
Wenn die beiden Projekte überhaupt jemals realisiert werden sollten, darf das nicht ohne ein wissenschaftliches Verkehrsgutachten erfolgen. Es muss eindeutig geklärt sein, dass sich die Ein- und Ausfahrt von und nach Süden für Pendler, Kunden der Innenstadt und Besucher nicht verschlechtert. Das wäre kontraproduktiv für die Attraktivität der Stadt, der ja eine Aufwertung durch Verdrängung des Automobils, siehe Pocket Park Kannengießerstraße, nicht immer gelingt. Übrigens war im Vorfeld der Schloss-Rekonstruktion schon einmal erwogen worden, den Bohlweg autofrei zu gestalten. Doch das Ansinnen der Städteplaner wurde nach einem aussagekräftigen Verkehrsgutachten zu den Akten gelegt.










