„Es herrscht Alarmstufe rot“

Lars Alt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands ©BiF
Lars Alt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands ©BiF

Lars Alt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands, im Interview

● Höchststand an ­Insolvenzen
● Kurzarbeit nimmt zu

Herr Alt, wenn Sie als Haupt­geschäftsführer des Arbeitgeber­verbands Region Braun­schweig der regio­nalen Wirtschaft eine Schulnote geben müssten, wie würde die ausfallen?

Den Unter­nehmen würde ich eine 1 geben, weil sie es ohne größere Freiset­zung von Arbeits­kräften schaffen, durch diese schwie­rige Lage zu manövrieren. Dem Staat würde ich aller­dings eine 4- geben, weil er die notwen­digen Reformen immer noch nicht entschieden genug anpackt.

Wie wirkt sich das regional aus?

Wir haben den Höchst­stand bei Unter­nehmensinsolvenzen im Zehnjah­res­ver­gleich. Die Kurz­arbeiterquote steigt an. Und wir sehen auch einen Anstieg der Arbeits­lo­sig­keit. Das sind zusam­men­ge­fasst Indika­toren, bei denen wir sagen: Es herrscht Alarm­stufe rot! Das betrifft nicht nur die Automo­bil­in­dus­trie, sondern auch vorge­la­gerte Bereiche wie zum Beispiel den Maschi­nenbau.

Sehen Sie wenigs­tens einen Silber­streif am Horizont?

Wir befinden uns in der längsten konjunk­tu­rellen Schwä­che­phase seit Gründung der Bundes­re­pu­blik. Die neue Bundes­re­gie­rung setzt wieder auf wirtschafts­po­li­ti­sche Expertise. Mit der Besetzung der Minis­ter­posten, die auch mit externen Experten besetzt wurden, ist ein Vertrau­ens­ge­winn in die Wirtschaft einge­zogen. Es ist mit dem Regie­rungs­wechsel zumindest ein kleiner Ruck durch das Land gegangen.

Was braucht es für einen großen Ruck?

Mit einer unver­züg­li­chen Senkung des Körper­schafts­steu­er­satzes von 15 Prozent auf zehn Prozent, einer Steuer­ver­güns­ti­gung auf Überstunden für Vollzeit­be­schäf­tigte, einem sofor­tigen Bürokra­tie­mo­ra­to­rium und einer Begren­zung der Sozial­ab­gaben auf 40 Prozent wäre schon viel gewonnen. Gerade Letzteres wird aber nur funktio­nieren, wenn eine ehrliche Bereit­schaft da ist, die sozialen Siche­rungs­sys­teme zu refor­mieren.

Unsere Region leidet besonders unter der Krise der Automo­bil­branche. Ist die Fokus­sie­rung auf E‑Mobilität ein Problem?

Der Umbruch der Automo­bil­in­dus­trie ist zu groß, als dass sich der Staat als neutraler Beobachter im Wettbe­werb unter­schied­li­cher Techno­lo­gien zurück­lehnen könnte. Unser Problem ist: Die Fahrzeuge sind zu teuer und die Ladeinfra­struktur ist zu schlecht. Beides führt zu Kaufzu­rück­hal­tung. Volks­wagen hat wie alle Hersteller ein Kosten­pro­blem am Standort Deutsch­land. Das zu beheben, wird schmerz­liche Einschnitte erfor­der­lich machen. Die Volks­wagen-Krise führt natürlich unmit­telbar zu einer Zulie­fer­er­krise. Es braucht längere Übergangs­fristen.

Wie stark leiden die Zulie­ferer in der Region?

Die Krisen­in­di­ka­toren Arbeitslosig­keit, Insol­venz­ri­siken und Kurzar­beit betreffen vorrangig die Zulie­ferer. Darunter sind gerade auch Unter­nehmen aus der IT-Branche zu finden. Die aktuelle bundes­weite Krise kommt in der Region Braun­schweig-Wolfsburg dieses Mal zuerst an, und zwar branchen­über­grei­fend.

Wie kann Braun­schweig gegen­steuern?

Die Stadt­ver­wal­tung ist für uns ansprechbar und sie hat beispiels­weise für junge Unter­nehmen in der Start-up-Branche auch einiges erreicht. Gleich­wohl sind die Möglich­keiten, globale Entwick­lungen lokal zu beein­flussen, begrenzt. In Bezug auf die Flächen­po­ten­ziale sollte das inter­kom­mu­nale Gewer­be­ge­biet an der A 2 und der A 39 in der Nähe von Scheppau möglichst schnell reali­siert werden. Da muss jetzt aber der Turbo gezündet werden. Zurzeit sind erste Vermark­tungen ab den 2030er- Jahren geplant. Das ist zu spät. Das kann nicht der Anspruch für eine Hochtech­no­logie-Region sein, die in der Trans­for­ma­tion neue Branchen für die Region gewinnen will.

Verspielt die Region ihren Reiz für Studi­en­ab­gänger?

Das ist ein zentrales Problem bei Studi­en­an­fän­gern und Studien­abgängern. Und es wird immer größer, wenn sich immer weniger Chancen für junge Menschen in Braun­schweig an biogra­fi­schen Übergangs­phasen bieten. Nach dem Abitur oder auch nach dem Studium verlassen überpro­por­tional viele junge Menschen die Region. Wir haben allein in den vergan­genen sieben Jahren mehr als 4.000 Studie­rende an der TU verloren. Das liegt nicht nur an demogra­fi­schen Faktoren. Studi­en­gang­de­sign und Hochschul­mar­ke­ting müssen auf neue Füße gestellt werden. Unsere Region verdient auch eine andere landes­po­li­ti­sche Unter­stüt­zung, zum Beispiel um den maroden Hochschul­standort Braun­schweig zu sanieren. Auch braucht die Automobil- und Wissen­schafts­re­gion Braunschweig/Wolfsburg einen kompletten Neustart des Regio­nal­mar­ke­tings, damit diese Region wieder zu einem Magneten für junge Menschen und junge Familien wird.

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