Die Linke will über die Sprache verfügen, als wäre es ihr Besitz
● Gesellschaft soll verändert werden
● Gegen den Willen der Mehrheit
von Matthias Heine
Die alte marxistische Linke kämpfte um den Besitz der Produktionsmittel und des Bodens, die Linke des neuen Jahrtausends will über die Sprache verfügen, als wäre es ihr Besitz. Die alte Linke wollte – zumindest theoretisch – die Fabriken und den Grundbesitz ins Volkseigentum überführen, die neue macht sich ein Volkseigentum untertan und verändert es gegen den Willen der Volksmehrheit. Die Sprache ist das einzige echte Volkseigentum. Denn auch, wenn es immer wieder obrigkeitliche Regulierungsversuche gegeben hat, setzen diese doch erst sehr spät in der Geschichte des Deutschen ein und erfassen immer nur den offiziellen Bereich – Schule, Universitäten, Verwaltungstexte, Gesetze, Fahrpläne.
Jenseits davon wucherte und brodelte das Deutsche in den rund 1.200 Jahren seiner Existenz wild, ungelenkt und unbeaufsichtigt vor sich hin. Geprägt wurde es durch Abermilliarden Mikroentscheidungen, die Abermillionen Deutschsprecher in jener Zeit zigmal täglich bei jeder einzelnen Kommunikation gefällt haben – von Martin Luther und Goethe bis zum letzten Knechtsdialog im Schweinestall einer hinterpommerschen Kate. Obwohl die Bereiche des linguistischen Wildwuchses heute durch Verschriftlichung und Massenmedien verengter sind als früher, geht dieser Sprachwandel von unten – der einzige Sprachwandel, der diesen Namen verdient – doch immer weiter.
Beispiele sind nicht nur neue Wörter, die erfunden werden, um auf neue Phänomene zu reagieren oder einfach aus Lust an sprachlicher Kreativität. Auch neue Rechtschreibnormen gehören dazu, die anerkennen, dass etwas, das fast alle Schreiber über einen langen Zeitraum falsch machen, irgendwann die neue Regel wird. Beispielsweise die Sanktionierung des sogenannten „Deppenapostrophs“ („Mandy’s Nagelstudio“) durch den Rechtschreibrat.
Sprache als politisches Terrain
Dem gegenüber steht seit rund vier Jahrzehnten ein neuer obrigkeitlich verordneter oder zumindest geförderter Sprachumbau, bei dem sich „Baustellen“ identifizieren lassen, die von Gruppen mit ähnlichen Motiven vorangetrieben werden. Den Akteuren dieses Sprachumbaus ist ein Unbehagen an der deutschen Sprache gemein. Dieses Unbehagen äußert sich darin, dass das Deutsche in seiner bisherigen Form als nicht-inklusiv, als patriarchalisch, als rassistisch, als „heteronormativ“, als diskriminierend und ganz allgemein als Hindernis auf dem Wege zum Fortschritt empfunden wird.
Die derzeit bekanntesten Baustellen sind einerseits die „gendergerechte Sprache“, die einer unwilligen Bevölkerung von Behörden, Universitäten, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Kommunikationsabteilungen des Großkapitals aufgezwungen wird. Andererseits läuft der Kampf gegen vermeintlich „diskriminierende Begriffe“, der längst nicht mehr nur N- und Z‑Wörter im Visier hat, sondern auch Ausdrücke wie „Schwarzfahrer“ oder gar „Pizza Hawaii“ unter Verdacht stellt.
Der Sprachumbau: Akteure, Ziele und Kritik
Die Akteure dieses Sprachumbaus sind nicht notwendig allesamt links. Der Begriff des Fortschritts hat auch bei Liberalen und Konservativen einen hohen Stellenwert. Bei den Funktionseliten des Kapitalismus ist Fortschritt ohnehin fast ein Fetisch.
Nun ist Fortschritt in der Medizin oder in der Technik ja tatsächlich begrüßenswert. Aber in der Sprache gibt es keinen linearen Fortschritt im ähnlichen Sinne. Niemand kann heute besser Deutsch als Walter von der Vogelweide, Grimmelshausen oder Heinrich Heine. Trotzdem wird im Namen des Fortschritts von oben an der Sprache herumgebaut. Die einen möchten sie optimieren, wie sie unsere Smartphones und Autos optimiert haben, die anderen möchten mit der Sprache wieder einmal die ganze Welt verbessern und die Gesellschaft gerechter machen.

Der große Sprachumbau: Eine gesellschaftspolitische Katastrophe. Taschenbuch, erschienen 2025 im Langen Müller Verlag München. Paperback 240 Seiten oder E‑Book.
Folgen für Gesellschaft und öffentlicher Diskurs
Weil Diskriminierung heute vor allem durch das bloße Gefühl des Sich-diskriminiert-Fühlenden bestimmt wird, entstehen ständig neue marginalisierte Minderheiten. Auch der Superprivilegierte kann sich irgendwo diskriminiert fühlen: Der Spross einer Milliardärsfamilie, weil er vielleicht transsexuell ist, seine Mutter, weil sie in der „Männersprache“ Deutsch nicht „sichtbar“ genug ist. Diese Inflation vermeintlich diskriminierter „Betroffener“ treibt den Furor derjenigen voran, die die Sprache umbauen wollen, um die Gesellschaft umzubauen.
Auch ein anscheinend unpolitischer Bereich wie der Gebrauch von Anglizismen gehört zu jenen umkämpften „Baustellen“. Wer sich gegen den massenhaften Import von Ausdrücken aus dem Englischen wehrt, wird als „rechts“ gebrandmarkt. In ihrer Leidenschaft für Anglizismen sind sich links-identitäre Gruppen einig mit den Vertretern des internationalen Kapitals. Beiden ist gemein, dass sie die deutsche Sprache als nicht modern genug empfinden. Es ist auch kein Zufall, dass die Schlüsselbegriffe des neuen Linken alle aus dem Englischen übernommen wurden: woke, PC, LGBT+, queer, Person of Color, trans usw. Denn aus den USA stammt ja auch die Ideologie dahinter.
Die Mutter aller Sprachumbauten kam aber noch ganz ohne Vordenker aus Amerika aus. Gemeint ist die Rechtschreibreform von 1996. Auch ihr lag ein „inklusiver“ Gedanke zugrunde. Grob gesagt: Die Orthografie sollte einfacher werden, damit Arbeiterkinder leichter Zugang zur Bildung haben. Mit diesem Argument erreichte eine seit 1970 überwiegend von linken Kräften betriebene Agitation, was früheren Reformern zur Kaiserzeit und im NS-Staat nicht gelang. Das Argument, es gehe um Fortschritt, überzeugte schließlich auch konservative Bildungspolitiker.
Produziert hat die Rechtschreibreform auch Begehrlichkeiten. Denn durch sie wurde unter Beweis gestellt, dass eine relativ kleine, entschlossene Gruppe an der deutschen Sprache herumfummeln kann, wenn es ihren „Experten“ gelingt, ahnungslose politische Entscheidungsträger davon zu überzeugen, das diene dem Fortschritt. Dieser Erfolg hat spätere Sprachumbauer ermuntert. Zusammen mit der importierten Ideologie hat er jene Entwicklung eingeleitet, die dazu geführt hat, dass die Sprache heute zu einem Hauptschlachtfeld politischer Kämpfe geworden ist – und die tatsächlichen Probleme dabei oft aus dem Auge geraten.

Matthias Heine (geboren 1961) hat bei Professor Helmut Henne und anderen an der TU Braunschweig Germanistik und Geschichte studiert. Er war dort an der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs von Hermann Paul beteiligt. Heine ist Feuilletonredakteur der Tageszeitung „Welt“ und Autor mehrerer Bücher. Seine jüngste Publikation „Der große Sprachumbau“ (240 Seiten, 24 Euro) ist im Verlag Langen-Müller erschienen.










