Die wundersame Abkehr von der Panikmache

Die Waffenverbotszone am Friedrich-Wilhelm-Platz. Foto: BiF
Die Waffenverbotszone am Friedrich-Wilhelm-Platz. Foto: BiF

Sicherheitspaket der Stadt: Was die rot-grüne Ratsmehrheit im Februar noch in Bausch und Bogen ablehnte, ist plötzlich „vorbildlich“

In der Schule wird Abschreiben bestraft, manchmal sogar mit dem Ausschluss von der Klassen­ar­beit. In der Politik läuft das anders. Da will der ein oder andere mit dem Spicken beim Mitbe­werber Beifall erhaschen, mediale Aufmerk­sam­keit erhalten und setzt sogar um, was er Wochen vorher noch rigoros abgelehnt hatte. Die Rede ist hier von Oberbür­ger­meister Thorsten Kornmblum (SPD) und dem bei einem „abend­li­chen Sicher­heits­rund­gang“ groß vorge­stellten Sicher­heits­paket für Braun­schweig, das in groben Zügen aller­dings vor allem in der Urheber­schaft der CDU-Ratsfrak­tion liegt.

Mehr Präsenz, mehr Sicherheit

Denn am 10. Februar hatte die CDU-Fraktion ihren Antrag „Braun­schweigs Sicher­heit stärken“ mit einem Sechs-Punkte-Plan im Rat der Stadt überaus kompetent einge­bracht, schließ­lich ist Kornblums aussichts­rei­cher Gegen­kan­didat, Maximil­lian Pohler, Jurist bei der Polizei­di­rek­tion Braun­schweig. Zu den vorge­schla­genen Maßnahmen zählte unter anderem die Stärkung des Zentralen Ordnungs­dienstes (ZOD) der Stadt, die jetzt mit zehn zusätz­li­chen Stellen als Kernpunkt reali­siert werden soll. Mehr Präsenz wird das subjek­tive Sicher­heits­ge­fühl verbes­sern. Zum Antrag gehörten auch eine Sicher­heits­be­fra­gung der Bürge­rinnen und Bürger, Sicher­heits­kon­fe­renzen in den Stadt­be­zirken und eine Sicher­heits­be­ge­hung, die ihren Namen auch verdient und nicht für die PR des Oberbür­ger­meis­ters missbraucht wird.

In einem entschei­denden Punkt jedoch, ging der Vorschlag der CDU deutlich über die nun angekün­digten Änderungen hinaus: Die Anwendung von unmit­tel­barem Zwang – wie es im nieder­säch­si­schen Gesetz angelegt ist – würde den ZOD wirklich stärken und die Polizei entlasten. So bleibt es aber dabei, dass der ZOD im Wesent­li­chen lediglich Verschmut­zungen ahnden kann. Ob das wirklich zur Stärkung der Sicher­heit in Braun­schweig beiträgt, muss jeder selbst entscheiden. Das Thema wird sicher noch einmal zu Debatten führen.

Das Ausweiten der Video­über­wa­chung geht ebenfalls auf eine Initia­tive der CDU zurück. Nachdem sich das rot-grün regierte Land aus der Verant­wor­tung und der Finan­zie­rung gestohlen hatte, wollte die Stadt­ver­wal­tung nur noch die Hälfte der 16 Kameras in Betrieb lassen. Die CDU stemmte sich dagegen. Der Antrag wurde bereits 2024 mit den Stimmen der SPD angenommen, ebenso wie der zur besseren Beleuch­tung von Angst­räumen.

Der gute Ruf bekommt Risse

„Braun­schweig kann grund­sätz­lich als sichere Großstadt bezeichnet werden, aller­dings bekommt auch dieser gute Ruf Risse. Zuneh­mende Verschmut­zungen, fehlende Beleuch­tung, Alkohol­ex­zesse und Gewalt­taten: Alle diese Punkte schmälern die faktische Sicher­heit und das Sicher­heits­ge­fühl jedes einzelnen“, begrün­dete die CDU seiner­zeit ihren Antrag und wurde dafür der Panik­mache und des Schürens von Angst bezich­tigt. Jeder einzelne Punkt des CDU-Antrags wurde in Bausch und Bogen abgelehnt – auch von Oberbür­ger­meister Kornblum.

In seinem Gastbei­trag für „Braun­schweig im Focus“ in der Frühjahrs­aus­gabe 2025 hatte der Bundes­vor­sit­zende der Deutschen Polizei­ge­werk­schaft (DPolG), Rainer Wendt, bereits festge­stellt: „Der Ausbau des Zentralen Ordnungs­dienstes (ZOD) und die städte­bau­liche Krimi­nal­prä­ven­tion durch gut ausge­leuch­tete, saubere und durch Ordnungs­kräfte kontrol­lierte Wege und Plätze erhöhen nicht nur das Sicher­heits­ge­fühl, sondern auch die objektiv messbare Abwesen­heit von Straf­taten. Modernste Video­technik, wie sie seit Jahren erprobt wird, kann dabei helfen, gefähr­liche Situa­tionen bereits im Entste­hungs­pro­zess zu erkennen und Einsatz­kräfte recht­zeitig an den Ort des Gesche­hens heran­zu­führen, um einzu­schreiten.“

Geflissentliches Lob der Parteigenossin

Bei einem sogenannten „Sicher­heits­rund­gang“ lobte Nieder­sach­sens Innen­mi­nis­terin und Kornblums Partei­ge­nossin Daniela Behrens angesichts des begin­nenden Vorwahl­kamps zur Kommu­nal­wahl am 13. September geflis­sent­lich Kornblums „neuen“ Plan“: „Mit ihrem Maßnah­menmix treibt die Stadt Braun­schweig in vorbild­li­cher Weise das Thema Sicher­heit voran. Den stärkeren gemein­samen Perso­nal­ein­satz von Polizei und Zentralem Ordnungs­dienst begrüße ich sehr.“

Bei dem gemein­samen Rundgang habe sie sich ein umfang­rei­ches Bild von der stärkeren Beleuch­tung dunkler Ecken und der einge­führten Waffen­ver­bots­zone im Bereich des Rotlicht- und des angren­zenden Party­vier­tels machen können. Ergänzt durch die geplante Auswei­tung der Video­über­wa­chung führe dieser Maßnah­menmix zu einer Verbes­se­rung der gefühlten- und tatsäch­li­chen Sicher­heits­lage, wird Behrens in der Presse­mit­tei­lung der Stadt zitiert.

„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“, hatte schon Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundes­re­pu­blik, gesagt. Das Motto gilt also, wie man sieht, heute auch noch, wenn es denn opportun scheint.

Total
0
Shares
Prev
„Die heimliche Freude über eine Fehleinschätzung“
Seit 2001 steht das Happy Rizzi House am Ackerhof. Foto: Braunschweig Stadtmarketing GmbH / Gerald Grote

„Die heimliche Freude über eine Fehleinschätzung“

Wie auswärtige Journalisten Braunschweig, die Stadt Heinrichs des Löwen,

Nächste
Glänzende Zeitzeugen aus Blech
Blick auf Norddeutschlands größtes Oldtimertreffen. Foto: BATC

Glänzende Zeitzeugen aus Blech

Braunschweiger Auto Touren-Club veranstaltete seit 1982 das größte

Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren
Total
0
Share