„Die heimliche Freude über eine Fehleinschätzung“

Seit 2001 steht das Happy Rizzi House am Ackerhof. Foto: Braunschweig Stadtmarketing GmbH / Gerald Grote
Seit 2001 steht das Happy Rizzi House am Ackerhof. Foto: Braunschweig Stadtmarketing GmbH / Gerald Grote

Wie auswärtige Journalisten Braunschweig, die Stadt Heinrichs des Löwen, entdecken

Wie sehen Auswär­tige auf Braun­schweig? Wir Einhei­mi­sche finden unsere Stadt sympa­thisch, schön, anregend, liebens- und lebens­wert. Und wir fühlen uns zumeist bestätigt, wenn wir in andere „normale“ Städte kommen, die nicht Paris, London oder München heißen. Aber wenn wir im Urlaub am Ostsee­strand stehen und mit unseren Nachbarn aus der Ferien­woh­nung nebenan über unsere Heimat­stadt erzählen, zucken die zumeist mit den Schultern: „Braun­schweig? Da waren wir noch nie und außer dem Fußball­verein kennen wir dort nichts.“ Dann sind wir schon ein bisschen enttäuscht über so viel Ignoranz. Sie sollten mal zu uns kommen, in die Stadt Heinrichs des Löwen, dann würden sie womöglich urteilen wie Ilona Hartmann, Freie Autorin von Zeit online, deren Artikel wir zufällig entdeckt und darüber gefreut haben.

Unter der Überschrift „Braun­schweig – Ich träumte mich in ein anderes Leben“ berich­tete sie über ihren Besuch. Ursprüng­lich wollte die Roman­au­torin („Land in Sicht“, „Klarkommen“) nur dem Berlin-Überdruss entfliehen und eigent­lich nur in Ruhe Bücher lesen. Aber es kam anders, zum Lesen blieb ihr am Ende kaum Zeit, weil Braun­schweig so sehr anders war als sie erwartet hatte.

Eine glückliche Fügung

Und ihr Text über ihre Reise beginnt so: „Ja, ich weiß, was Sie jetzt denken. Braun­schweig stand auf der Liste meiner Reise­ziele auch nicht ganz oben. Ehrlich gesagt stand es überhaupt nicht drauf. Und eigent­lich bin ich nur durch eine glück­liche Fügung dort gelandet, die sich zusam­men­setzt aus Unwissen, Faulheit und Berlin-Überdruss. Eine nicht besonders aufre­gende, aber vielleicht gar nicht so seltene Gemenge­lage …“

Ihre Ausgangs­po­si­tion beschreibt sie noch wenig schmei­chel­haft für Braun­schweig. Sie wollte raus aus Berlin, weiter weg als Branden­burg, in einen Ort, der ihr egal war und der sie nicht mit allzu vielen kultu­rellen Attrak­tionen beläs­tigte. „Nach einigem Herum­scrollen auf Google Maps landete ich in Nieder­sachsen, das mir als zurück­hal­tendes, gut belüf­tetes Bundes­land erst mal grund­le­gend sympa­thisch ist. Die Metro­pol­re­gion Hannover-Braun­schweig-Göttingen-Wolfsburg stach mir dann erstens wegen ihres opulenten Namens ins Auge, aber auch, weil ich dort hoffte, in normkon­formen, wirtschafts­starken, forschungs­ori­en­tierten Fußgän­ger­zonen die ersehnte ‚Egal-Null‘ zu erreichen“, meinte sie.

Einladend, aber nicht anbiedernd

Nach einigen Tagen umfas­sender Erkun­dungen von Burgplatz, Magni­viertel, Östlichem Ringge­biet Bürger­park und mehr stand ein gänzlich anderes Fazit über Braun­schweig als vor der Ankunft am Bahnhof: „Braun­schweig, so stellte ich nach meiner Läuterung fest, ist mitnichten ein neutraler Ort für Ruhefreaks. Vielmehr präsen­tierte sich mir eine erhabene, satt in der Kultur­land­schaft Nieder­sach­sens veran­kerte Stadt, die einladend, aber nicht anbie­dernd alles bereit­hält, was es für einige gute Tage braucht. Den Abrei­setag verbrachte ich dementspre­chend in voraus­ei­lender Wehmut … und dem grund­sätz­li­chen Infra­ge­stellen aller bishe­rigen Lebens­ent­schei­dungen, was ich als Symptom einer gelun­genen Reise zu schätzen gelernt habe. Will, ja muss ich vielleicht hier leben? Nein, aber ich könnte ganz bestimmt. Und auf meiner lebens­langen Suche nach inter­es­santen Gefühlen lernte ich in Braun­schweig ein neues kennen: die heimliche Freude über eine Fehlein­schät­zung“.

Den Beitrag fanden wir, nachdem Olaf Jaeschke, Vorsit­zender des Arbeits­aus­schusses Innen­stadt, einen Zeitungs­ar­tikel des Reise­jour­na­listen Bernd Schiller aus der Rheini­schen Post auf Facebook gepostet hatte. Über dem Titel „Braun­schweig – Von wegen provin­ziell“ prangte ein großes Foto des Happy-Rizzi-Hauses am Ackerhof. Seit 25 Jahren steht diese dreidi­men­sio­nale Skulptur nun schon. „Ein echtes Wahrzei­chen, ein Stück Lebens­freude, ein Ort, der Emotionen weckt – damals wie heute ein absoluter Besucher­ma­gnet“, wie Jaeschke schreibt. Und er hat recht.

Farbstrotzender Kontrast

Das Happy-Rizzi-Haus beein­druckt. „Funny Faces und lachende Gebisse, heitere Wolken und witzige Blumen­töpfe einfach zum Kringeln! Die Hauswände sind lila, wiesen­grün, himmel­blau und sonnen­gelb und zeigen kunter­bunte Pop-Art über fünf Stock­werke. Nein, ein solches Bau-Ensemble findet man sonst auf der ganzen weiten Welt nicht. Das Haus der blühenden Fantasie wurde vom berühmten New Yorker Künstler James Rizzi entworfen und steht in Braun­schweig am Ackerhof, zwischen den modernen Schloss-Arkaden und dem histo­ri­schen Magni­viertel mit seinen Fachwerk­bauten. Was für ein farbstrot­zender Kontrast!“, formu­liert Carolyn Martin in der Nordwerst-Zeitung in Oldenburg in einem aktuellen Artikel.

Zurück zum Beitrag von Bernd Schiller, Autor vieler Reise­re­por­tagen für große Magazine und Zeitungen. Wer offen sei für Überra­schungen und neue Perspek­tiven „zwischen einem Schloss, das eigent­lich keines mehr ist, und der Burg Dankwar­derode, die lange vor diesem Schloss die Residenz der Braun­schweiger Herzöge war, zwischen einer lebhaften Shopping­meile und den bunten Szene­vier­teln“ käme aus dem Staunen nicht mehr heraus, meint er.

Charme einer Metropole

Er schreibt weiter: „Braun­schweig ist zwar mit tausend­jäh­riger Geschichte gesegnet; viele histo­ri­sche Bauwerke und ihre Plätze drumherum reichen ins Mittel­alter zurück. Zugleich aber, und das macht den Charme dieser Metropole aus, vibriert sie voller Leben­dig­keit. Wer gezielt Kurs auf ihre Glanz­punkte nehmen will, bummelt von einer der sogenannten Tradi­ti­ons­in­seln zur nächsten, zum Beispiel vom Altstadt­markt zum Burgplatz oder zu den Revieren rund um St. Martini und St. Aegidien. Es waren einst Fachwerk­quar­tiere, über Jahrhun­derte gewachsen. Im Krieg vielfach zerstört, wurden sie bald danach liebevoll rekon­stru­iert. Die heute wohl meist­be­suchte der fünf ‚Inseln‘ ist das Magni­viertel, ein Szene­viertel der liebens­werten Art, liberal, boden­ständig, voller Kontraste. An seinem Eingang lacht ein farben­frohes Haus, bemalt vom US-Künstler James Rizzi, auf der anderen Seite lockt ein Fachwerk­haus aus dem Jahr 1492.“ Ja, mit derar­tigen Urteilen können wir Braun­schweiger sehr gut leben und sie den Unwis­senden am Ostsee-Strand mit auf die Heimreise geben.

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