Wie auswärtige Journalisten Braunschweig, die Stadt Heinrichs des Löwen, entdecken
Wie sehen Auswärtige auf Braunschweig? Wir Einheimische finden unsere Stadt sympathisch, schön, anregend, liebens- und lebenswert. Und wir fühlen uns zumeist bestätigt, wenn wir in andere „normale“ Städte kommen, die nicht Paris, London oder München heißen. Aber wenn wir im Urlaub am Ostseestrand stehen und mit unseren Nachbarn aus der Ferienwohnung nebenan über unsere Heimatstadt erzählen, zucken die zumeist mit den Schultern: „Braunschweig? Da waren wir noch nie und außer dem Fußballverein kennen wir dort nichts.“ Dann sind wir schon ein bisschen enttäuscht über so viel Ignoranz. Sie sollten mal zu uns kommen, in die Stadt Heinrichs des Löwen, dann würden sie womöglich urteilen wie Ilona Hartmann, Freie Autorin von Zeit online, deren Artikel wir zufällig entdeckt und darüber gefreut haben.
Unter der Überschrift „Braunschweig – Ich träumte mich in ein anderes Leben“ berichtete sie über ihren Besuch. Ursprünglich wollte die Romanautorin („Land in Sicht“, „Klarkommen“) nur dem Berlin-Überdruss entfliehen und eigentlich nur in Ruhe Bücher lesen. Aber es kam anders, zum Lesen blieb ihr am Ende kaum Zeit, weil Braunschweig so sehr anders war als sie erwartet hatte.
Eine glückliche Fügung
Und ihr Text über ihre Reise beginnt so: „Ja, ich weiß, was Sie jetzt denken. Braunschweig stand auf der Liste meiner Reiseziele auch nicht ganz oben. Ehrlich gesagt stand es überhaupt nicht drauf. Und eigentlich bin ich nur durch eine glückliche Fügung dort gelandet, die sich zusammensetzt aus Unwissen, Faulheit und Berlin-Überdruss. Eine nicht besonders aufregende, aber vielleicht gar nicht so seltene Gemengelage …“



Ihre Ausgangsposition beschreibt sie noch wenig schmeichelhaft für Braunschweig. Sie wollte raus aus Berlin, weiter weg als Brandenburg, in einen Ort, der ihr egal war und der sie nicht mit allzu vielen kulturellen Attraktionen belästigte. „Nach einigem Herumscrollen auf Google Maps landete ich in Niedersachsen, das mir als zurückhaltendes, gut belüftetes Bundesland erst mal grundlegend sympathisch ist. Die Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg stach mir dann erstens wegen ihres opulenten Namens ins Auge, aber auch, weil ich dort hoffte, in normkonformen, wirtschaftsstarken, forschungsorientierten Fußgängerzonen die ersehnte ‚Egal-Null‘ zu erreichen“, meinte sie.
Einladend, aber nicht anbiedernd
Nach einigen Tagen umfassender Erkundungen von Burgplatz, Magniviertel, Östlichem Ringgebiet Bürgerpark und mehr stand ein gänzlich anderes Fazit über Braunschweig als vor der Ankunft am Bahnhof: „Braunschweig, so stellte ich nach meiner Läuterung fest, ist mitnichten ein neutraler Ort für Ruhefreaks. Vielmehr präsentierte sich mir eine erhabene, satt in der Kulturlandschaft Niedersachsens verankerte Stadt, die einladend, aber nicht anbiedernd alles bereithält, was es für einige gute Tage braucht. Den Abreisetag verbrachte ich dementsprechend in vorauseilender Wehmut … und dem grundsätzlichen Infragestellen aller bisherigen Lebensentscheidungen, was ich als Symptom einer gelungenen Reise zu schätzen gelernt habe. Will, ja muss ich vielleicht hier leben? Nein, aber ich könnte ganz bestimmt. Und auf meiner lebenslangen Suche nach interessanten Gefühlen lernte ich in Braunschweig ein neues kennen: die heimliche Freude über eine Fehleinschätzung“.
Den Beitrag fanden wir, nachdem Olaf Jaeschke, Vorsitzender des Arbeitsausschusses Innenstadt, einen Zeitungsartikel des Reisejournalisten Bernd Schiller aus der Rheinischen Post auf Facebook gepostet hatte. Über dem Titel „Braunschweig – Von wegen provinziell“ prangte ein großes Foto des Happy-Rizzi-Hauses am Ackerhof. Seit 25 Jahren steht diese dreidimensionale Skulptur nun schon. „Ein echtes Wahrzeichen, ein Stück Lebensfreude, ein Ort, der Emotionen weckt – damals wie heute ein absoluter Besuchermagnet“, wie Jaeschke schreibt. Und er hat recht.
Farbstrotzender Kontrast
Das Happy-Rizzi-Haus beeindruckt. „Funny Faces und lachende Gebisse, heitere Wolken und witzige Blumentöpfe einfach zum Kringeln! Die Hauswände sind lila, wiesengrün, himmelblau und sonnengelb und zeigen kunterbunte Pop-Art über fünf Stockwerke. Nein, ein solches Bau-Ensemble findet man sonst auf der ganzen weiten Welt nicht. Das Haus der blühenden Fantasie wurde vom berühmten New Yorker Künstler James Rizzi entworfen und steht in Braunschweig am Ackerhof, zwischen den modernen Schloss-Arkaden und dem historischen Magniviertel mit seinen Fachwerkbauten. Was für ein farbstrotzender Kontrast!“, formuliert Carolyn Martin in der Nordwerst-Zeitung in Oldenburg in einem aktuellen Artikel.
Zurück zum Beitrag von Bernd Schiller, Autor vieler Reisereportagen für große Magazine und Zeitungen. Wer offen sei für Überraschungen und neue Perspektiven „zwischen einem Schloss, das eigentlich keines mehr ist, und der Burg Dankwarderode, die lange vor diesem Schloss die Residenz der Braunschweiger Herzöge war, zwischen einer lebhaften Shoppingmeile und den bunten Szenevierteln“ käme aus dem Staunen nicht mehr heraus, meint er.
Charme einer Metropole
Er schreibt weiter: „Braunschweig ist zwar mit tausendjähriger Geschichte gesegnet; viele historische Bauwerke und ihre Plätze drumherum reichen ins Mittelalter zurück. Zugleich aber, und das macht den Charme dieser Metropole aus, vibriert sie voller Lebendigkeit. Wer gezielt Kurs auf ihre Glanzpunkte nehmen will, bummelt von einer der sogenannten Traditionsinseln zur nächsten, zum Beispiel vom Altstadtmarkt zum Burgplatz oder zu den Revieren rund um St. Martini und St. Aegidien. Es waren einst Fachwerkquartiere, über Jahrhunderte gewachsen. Im Krieg vielfach zerstört, wurden sie bald danach liebevoll rekonstruiert. Die heute wohl meistbesuchte der fünf ‚Inseln‘ ist das Magniviertel, ein Szeneviertel der liebenswerten Art, liberal, bodenständig, voller Kontraste. An seinem Eingang lacht ein farbenfrohes Haus, bemalt vom US-Künstler James Rizzi, auf der anderen Seite lockt ein Fachwerkhaus aus dem Jahr 1492.“ Ja, mit derartigen Urteilen können wir Braunschweiger sehr gut leben und sie den Unwissenden am Ostsee-Strand mit auf die Heimreise geben.










