Im Wahljahr hat OB Kornblum erkannt, dass Braunschweigs verlotterter Gesamteindruck die Menschen nervt
Dass die Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (SPD) an der Spitze endlich erkannt hat, dass Braunschweig in den vergangenen Jahren einen mehr und mehr verlotterten Gesamteindruck hinterlassen hat, ist positiv. Einsicht ist bekanntlich der beste Weg zur Besserung. „Braunschweig im Focus“ hat von der ersten Ausgabe an Dreck, Wildwuchs und Graffiti als Stimmungskiller identifiziert, thematisiert und die Stadtverwaltung aufgefordert, dagegen etwas zu unternehmen. In sehr vielen Leserzuschriften haben Menschen ihren Unmut formuliert und uns in unserer Kritik bekräftigt. Jetzt, im Wahljahr, soll ihr Ärger gehört und minimiert werden. Besser spät als nie.
Fortschreitende Verwahrlosung
Denn in der jüngeren Vergangenheit wurde unter Kornblum offensichtlich kein gesteigerter Wert auf das äußere Erscheinungsbild der Stadt und die Pflege der vorhandenen Infrastruktur gelegt. Stattdessen wurden aus dem Oberbürgermeisterzimmer immer neue Ideen für Luxusprojekte wie Velorouten, Poket Parks, Verkehrsberuhigungen oder gar ein „Haus der Musik“ unters Volk gebracht. „Braunschweig im Focus“ legte aber in jeder Ausgabe den Finger in die Wunde und warnte vor fortschreitender und nicht von der Hand zu weisender Verwahrlosung. Deutlich wird das nicht zuletzt an den unzähligen Aufklebern, die teilweise Verkehrszeichen bis zur Unkenntlichkeit verunstalten, aber tatenlos hingenommen werden.
Im September vergangenen Jahres berichteten wir unter dem Titel „Braunschweig verlottert immer mehr“ von rechtsradikalen Schmierereien am Holzunterstand des Jugendplatzes Holzmoor. Sie sind immer noch da, nichts ist passiert. Auch rechtsradikale Symbole nahe des Spielplatzes Feuerbergweg sind bis heute nicht entfernt, obwohl die Stadt von ihrer Existenz seit Monaten weiß. Dabei handelt es sich im Übrigen um eine Straftat und nicht um eine Ordnungswidrigkeit. Wir sind gespannt, ob die Stadt nun nach ihrem Bekenntnis zur Sauberkeit ihrer Verantwortung gerecht wird und handelt.



Wertschätzung nötig
„Braunschweig im Focus“ veröffentlichte im Mai vergangen Jahres unter der Überschrift „Einigen fehlt der Anstand“ einen Appell an die Allgemeinheit, sich sorgsamer zu verhalten. „Viele der ärgerlichen, das Stadtbild verschandelnden Verunreinigungen könnten allerdings vermieden werden, wenn der ein oder andere Bürger mehr Wertschätzung für seine Heimatstadt übrighätte. … Appelle gegen die Missachtung einfachster Regeln könnten auch eine Kampagne der Stadt vertragen, die wäre jeden Cent“, schrieben wir. So etwas, wie einst zur Amtszeit von Dr. Gert Hoffmann (CDU, 2001–2014), gibt es aber leider nicht. Die unsägliche Werbekampagne „City of Lions“ ist den gegenwärtigen Entscheidern im Rathaus offenbar sehr viel wichtiger als Initiativen gegen ungebührliches Verhalten.
Wer heute beispielsweise an einem Sonntagmorgen durch den Theaterpark geht, sieht wie Partygänger ihren Unrat stehen lassen, nicht mitnehmen und nicht entsorgen. Erschütternd geradezu ist ein Besuch der 2023 eingeweihten Sitzgruppe samt kleinem Trinkbrunnen am Löwenwall. Für die Aufwertung der historischen Parkanlage mit dem Vaterländischen Denkmal im Zentrum investierte die Stadt 1,4 Millionen Euro und erntete viel Lob für die gründliche Sanierung. Der Respekt einiger bleibt allerdings aus, sie beschmieren die aus Naturstein gefertigten Sitzgelegenheiten, beschmutzen den Trinkbrunnen so, dass niemand mehr daraus trinken möchte.

Mehr Einsatzkräfte
In einer städtischen Mitteilung heißt es nun, die Zahl der Mitarbeiter beim Zentralen Ordnungsdienst, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Sauberkeit im Stadtgebiet befassen, soll von bislang drei auf künftig sechs verdoppelt werden. Für das städtische Wildkrautprojekt finanziert die Richard Borek Stiftung zwei zusätzliche Saisonkräfte für acht Monate. Die stadtweit eingesetzten Teams des Fachbereiches Stadtgrün zur Entfernung von Wildkraut auf verschiedenen städtischen Flächen werden um bis zu 15 zusätzliche saisonale Mitarbeiter ergänzt.
Auch das Vorgehen gegen illegale Graffiti im öffentlichen Raum wollen die Richard Borek Stiftung und die Stadtverwaltung deutlich ausweiten. Dazu werde derzeit eine Vereinbarung vorbereitet und dem Rat zum Beschluss vorgelegt. Ob Kornblums Entdeckung der neuen Sauberkeit mit dem Datum des 13. Septembers zusammenhängt? Wir wissen es nicht. Aber abwegig ist der Gedanke jedenfalls nicht, dass er zum Wahltag hin ein saubereres Braunschweig bieten will, um den unverhohlenen Unmut vieler zu beschwichtigen.









