Die Entdeckung der neuen Sauberkeit

Erschütternder Anblick: Die 2023 eingeweihte Sitzgruppe mit Trinkbrunnen am Löwenwall ist beschmiert und verdreckt. Foto: BiF
Erschütternder Anblick: Die 2023 eingeweihte Sitzgruppe mit Trinkbrunnen am Löwenwall ist beschmiert und verdreckt. Foto: BiF

Im Wahljahr hat OB Kornblum erkannt, dass Braunschweigs verlotterter Gesamteindruck die Menschen nervt

Dass die Stadt­ver­wal­tung mit Oberbür­ger­meister Thorsten Kornblum (SPD) an der Spitze endlich erkannt hat, dass Braun­schweig in den vergan­genen Jahren einen mehr und mehr verlot­terten Gesamt­ein­druck hinter­lassen hat, ist positiv. Einsicht ist bekannt­lich der beste Weg zur Besserung. „Braun­schweig im Focus“ hat von der ersten Ausgabe an Dreck, Wildwuchs und Graffiti als Stimmungs­killer identi­fi­ziert, thema­ti­siert und die Stadt­ver­wal­tung aufge­for­dert, dagegen etwas zu unter­nehmen. In sehr vielen Leser­zu­schriften haben Menschen ihren Unmut formu­liert und uns in unserer Kritik bekräf­tigt. Jetzt, im Wahljahr, soll ihr Ärger gehört und minimiert werden. Besser spät als nie.

Fortschreitende Verwahrlosung

Denn in der jüngeren Vergan­gen­heit wurde unter Kornblum offen­sicht­lich kein gestei­gerter Wert auf das äußere Erschei­nungs­bild der Stadt und die Pflege der vorhan­denen Infra­struktur gelegt. Statt­dessen wurden aus dem Oberbür­ger­meis­ter­zimmer immer neue Ideen für Luxus­pro­jekte wie Velorouten, Poket Parks, Verkehrs­be­ru­hi­gungen oder gar ein „Haus der Musik“ unters Volk gebracht. „Braun­schweig im Focus“ legte aber in jeder Ausgabe den Finger in die Wunde und warnte vor fortschrei­tender und nicht von der Hand zu weisender Verwahr­lo­sung. Deutlich wird das nicht zuletzt an den unzäh­ligen Aufkle­bern, die teilweise Verkehrs­zei­chen bis zur Unkennt­lich­keit verun­stalten, aber tatenlos hinge­nommen werden.

Im September vergan­genen Jahres berich­teten wir unter dem Titel „Braun­schweig verlot­tert immer mehr“ von rechts­ra­di­kalen Schmie­re­reien am Holzun­ter­stand des Jugend­platzes Holzmoor. Sie sind immer noch da, nichts ist passiert. Auch rechts­ra­di­kale Symbole nahe des Spiel­platzes Feuer­bergweg sind bis heute nicht entfernt, obwohl die Stadt von ihrer Existenz seit Monaten weiß. Dabei handelt es sich im Übrigen um eine Straftat und nicht um eine Ordnungs­wid­rig­keit. Wir sind gespannt, ob die Stadt nun nach ihrem Bekenntnis zur Sauber­keit ihrer Verant­wor­tung gerecht wird und handelt.

Wertschätzung nötig

„Braun­schweig im Focus“ veröf­fent­lichte im Mai vergangen Jahres unter der Überschrift „Einigen fehlt der Anstand“ einen Appell an die Allge­mein­heit, sich sorgsamer zu verhalten. „Viele der ärger­li­chen, das Stadtbild verschan­delnden Verun­rei­ni­gungen könnten aller­dings vermieden werden, wenn der ein oder andere Bürger mehr Wertschät­zung für seine Heimat­stadt übrig­hätte. … Appelle gegen die Missach­tung einfachster Regeln könnten auch eine Kampagne der Stadt vertragen, die wäre jeden Cent“, schrieben wir. So etwas, wie einst zur Amtszeit von Dr. Gert Hoffmann (CDU, 2001–2014), gibt es aber leider nicht. Die unsäg­liche Werbe­kam­pagne „City of Lions“ ist den gegen­wär­tigen Entschei­dern im Rathaus offenbar sehr viel wichtiger als Initia­tiven gegen ungebühr­li­ches Verhalten.

Wer heute beispiels­weise an einem Sonntag­morgen durch den Theater­park geht, sieht wie Party­gänger ihren Unrat stehen lassen, nicht mitnehmen und nicht entsorgen. Erschüt­ternd geradezu ist ein Besuch der 2023 einge­weihten Sitzgruppe samt kleinem Trink­brunnen am Löwenwall. Für die Aufwer­tung der histo­ri­schen Parkan­lage mit dem Vater­län­di­schen Denkmal im Zentrum inves­tierte die Stadt 1,4 Millionen Euro und erntete viel Lob für die gründ­liche Sanierung. Der Respekt einiger bleibt aller­dings aus, sie beschmieren die aus Natur­stein gefer­tigten Sitzge­le­gen­heiten, beschmutzen den Trink­brunnen so, dass niemand mehr daraus trinken möchte.

Mehr Einsatzkräfte

In einer städti­schen Mittei­lung heißt es nun, die Zahl der Mitar­beiter beim Zentralen Ordnungs­dienst, die sich schwer­punkt­mäßig mit dem Thema Sauber­keit im Stadt­ge­biet befassen, soll von bislang drei auf künftig sechs verdop­pelt werden. Für das städti­sche Wildkraut­pro­jekt finan­ziert die Richard Borek Stiftung zwei zusätz­liche Saison­kräfte für acht Monate. Die stadtweit einge­setzten Teams des Fachbe­rei­ches Stadtgrün zur Entfer­nung von Wildkraut auf verschie­denen städti­schen Flächen werden um bis zu 15 zusätz­liche saisonale Mitar­beiter ergänzt.

Auch das Vorgehen gegen illegale Graffiti im öffent­li­chen Raum wollen die Richard Borek Stiftung und die Stadt­ver­wal­tung deutlich ausweiten. Dazu werde derzeit eine Verein­ba­rung vorbe­reitet und dem Rat zum Beschluss vorgelegt. Ob Kornblums Entde­ckung der neuen Sauber­keit mit dem Datum des 13. Septem­bers zusam­men­hängt? Wir wissen es nicht. Aber abwegig ist der Gedanke jeden­falls nicht, dass er zum Wahltag hin ein saube­reres Braun­schweig bieten will, um den unver­hoh­lenen Unmut vieler zu beschwich­tigen.

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