Sparkurs und Privatisierungen erregten bundesweit Aufsehen
• Stadt wie eine Firma geführt
• Rücklagen statt Schulden
Vor ziemlich genau 20 Jahren brachte die Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAS), Deutschlands wohl angesehenste Zeitung, unter der Überschrift „Das Wunder von Braunschweig“ eine ganze Seite über die sensationell erfolgreiche Konsolidierung der städtischen Finanzen. In der Einführung hieß es: Oberbürgermeister Gert Hoffmann führt die Stadt wie ein Unternehmen. Er privatisiert und spart. Und hat plötzlich sogar Geld übrig.
Und weiter schrieb die renommierte Journalistin und Autorin Inge Kloepfer, die unter anderem durch eine Biografie über Friede Springer sehr bekannt wurde: „Braunschweig ist anziehend. Die Menschen kommen wieder in die 240.000-Einwohner-Stadt, nicht nur, um sich in der Altstadt umzusehen, sondern, um in Braunschweig zu leben. ‚Das ist seit einigen Jahren so‘, sagt Oberbürgermeister Gert Hoffmann (CDU). Seit einigen Jahren – damit meint er selbstbewusste Jurist: seitdem er in der Stadt das Ruder übernommen hat …
Fehlbetrag und Schuldenberg
Braunschweig war eine Stadt in „the middle of nowhere“, im Niemandsland, mit der kaum jemand etwas in Deutschland verband: weder die eindrucksvolle Historie noch die Forschung – Braunschweig ist ein bedeutender Forschungsstandort –, noch sonst irgendetwas. Noch scherte sich irgendjemand um die bedrohliche Finanzsituation der Stadt: 2001 reichten die laufenden Einnahmen längst nicht mehr aus, um die laufenden Ausgaben zu decken. Damals türmte sich ein Fehlbetrag von 138,4 Millionen Euro und ein Schuldenberg von fast einer halben Milliarde Euro vor dem frisch gewählten Oberbürgermeister Hoffmann auf. Nichts ging mehr … Heute ist vieles anders …“
Im Folgenden berichtete der Artikel zunächst über das in Deutschland in seiner Stringenz einmalige Sparpaket mit zeitweiser Abschaltung der Straßenbeleuchtung, Schließung des Freizeit- und Bildungszentrums, kräftigen Einschnitten bei den Personalausgaben bis hin zu einem Einstellungsstopp und der Kürzung freiwilliger Leistungen auch an Verbände und Vereine nach dem Rasenmäherprinzip um 20 Prozent.
Entscheidende Veräußerungen
Und Kloepfer zählte die für die Sanierung der Finanzen letztlich entscheidenden Veräußerungen des für die Aufgabenerledigung der Stadt nicht zwingend erforderlichen Unternehmen auf: Vor allem die Teilprivatisierung (74,9 Prozent der Versorgungs-AG, die mit 425 Millionen Euro weit mehr als den vorher gutachterlich ermittelten Wert des Unternehmens erbrachte. Deshalb stimmte auch die SPD zu.
Weitere Privatisierungen waren die Veräußerungen der Wohnungsbaugesellschaft GWK, des Anteils an den Städtemedien, der Beteiligung an der Stadtreinigung (Alba) und schließlich die nach einer Ausschreibung erfolgte Übertragung der Abwasserbeseitigung und Wasserversorgung an die inzwischen, wie erwähnt, teilprivatisierte Versorgungs-AG (Veolia). Das brachte insgesamt noch einmal einen dreistelligen Millionen Betrag.
Die FAS erwähnte auch die starke Kritik an Hoffmanns Politik aus den Reihen der Opposition, wonach er städtisches Vermögen verschleudere. Das ist ein Vorwurf, der, obwohl längst widerlegt auch heute noch gelegentlich erhoben wird. Dazu wurde Hoffmann zitiert. Er sagte: „Wir verkaufen nur, wenn wir deutlich mehr erzielen können, als die Ertragsbewertung für das Vermögen (ergeben hat).“
Großes Investitionsprogramm
Und der damalige Oberbürgermeister legte dar, dass er diese Erlöse – abgesehen von der Tilgung der Fehlbeträge – nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern verwende, sondern zur Tilgung von Schulden und zum Aufbau neuen Vermögens. In der Tat wurde damals ein großes Investitionsprogramm für die Stadt gestartet). Klöpfer berichtete auch über Braunschweiger Unternehmer, die sagten Braunschweig lebe wieder und Hoffmann könne sicher nicht nur Braunschweig, sondern auch Berlin.
Bekanntlich aber zog es Hoffmann, dem Gegner später auch vorwarfen, er habe den Begriff „des Wunders von Braunschweig“ selbst erfunden nicht nach Berlin oder Hannover, sondern er blieb in Braunschweig und wurde ein gutes Jahr später schon im ersten Wahlgang mit 58 Prozent wiedergewählt.

Internationaler Leuchtturm
In der Folgezeit machte die sogenannte graue Maus nicht nur mit ihrer Finanzpolitik Schlagzeilen, sondern erwarb sich auch Ansehen und Auftrieb etwa durch den großartigen Wiederaufbau des Welfenschlosses, den Erfolg beim Wettbewerb „Deutschlands Stadt der Wissenschaft“ oder den auch umstrittenen Ausbau des Forschungsflughafens zu einem internationalen Leuchtturm.
Solche Erfolge oder Ereignisse fehlen heute leider. Und statt der später dann erreichten Schuldenfreiheit steuert die Stadt jetzt auf eine Milliarde Schulden zu. Die neuen Schulden wurden in sehr kurzer Zeit angehäuft, so dass die Stadt mit ziemlicher Sicherheit demnächst unter staatliche Finanzkontrolle kommen.
Da könnte nur ein neues Wunder helfen.
Hoffmann selbst aber hat den Begriff „Wunder“ allerdings immer zurückgewiesen: „Das war kein Wunder, sondern ein Ergebnis einer klaren politischen Vision und einer starken politischen Kraftanstrengung zusammen mit der knappen Ratsmehrheit.“ Aus heutiger Sicht aber mutet das so genannte „Wunder von Braunschweig“ wie ein wahres Märchen an.










