Braunschweig wird zur „Festung“ ausgebaut

Unzählige Absperrgitter werden aufgebaut. Foto BiF
Unzählige Absperrgitter werden aufgebaut. Foto BiF

Terrorabwehr wird für die Stadt zum Kostentreiber beim „Tag der Niedersachsen“

Die Ausrich­tung des „Tages der Nieder­sachsen“ vom 12. bis 14. Juni in Braun­schweig wird deutlich teurer als bei der Bewerbung im Jahr 2023 angenommen. Genaue Zahlen liegen zwar noch nicht vor, doch die Kosten dürften auf mindes­tens zwei Millionen Euro steigen. Hinter­grund sind in erster Linie erfor­der­liche Sicher­heits­vor­keh­rungen, die seiner­zeit in dieser Form noch nicht absehbar waren. Das schreck­liche Attentat auf den Weihnachts­markt in Magdeburg, bei dem sechs unschul­dige Menschen starben, ereignete sich erst 2024.

Verschärfte Gefahrenlage

Es hat die Einschät­zung der Gefah­ren­lage seither erheblich verändert. Deshalb wird die Braun­schweiger Innen­stadt für das Wochen­ende unver­meidbar zur „Festung“ ausgebaut. Die Kosten tragen überwie­gend die Stadt, aber auch das Land beteiligt sich daran. Selbst­ver­ständ­lich müssen für das größte Fest, das die Stadt bislang erlebt hat, alle heute leider erfor­der­li­chen Sicher­heits­maß­nahmen getroffen werden. Dennoch mutet es befremd­lich an, die Beton­poller und die Vielzahl an Absperr­git­tern zu sehen.

Defizit droht

Für die Bewerbung und Ausrich­tung der Veran­stal­tung ging das Land Nieder­sachsen seiner­zeit von einem erfor­der­li­chen Eigen­an­teil der Stadt in Höhe von 700.000 Euro aus. Die Verwal­tung war damals zuver­sicht­lich, dass ein erheb­li­cher Teil durch Sponso­ren­gelder und Einnahmen aus Stand­ge­bühren gedeckt werden könne. Angestrebt wurde, eine „Haushalts­be­las­tung mittels kosten­de­ckender Kompen­sa­tion“ möglichst zu vermeiden. Das steht nun infrage. Mit einem Defizit ist zu rechnen.

An vielen Orten der Innenstadt werden Betonpoller platziert. Foto: BiF
An vielen Orten der Innen­stadt werden Beton­poller platziert. Foto: BiF
Kein Durchkommen mehr in die Innenstadt. Foto BiF
Kein Durch­kommen mehr in die Innen­stadt. Foto BiF

Motto in Kauderwelsch

Mit dem „Tag der Nieder­sachsen“ feiert das Land Nieder­sachsen seit 1981 drei Tage lang seine Kultur, Geschichte und Vielfalt. Im Juni 2022 zog die Veran­stal­tung unter dem Motto „Stadt.Land.Fest“ rund 500.000 Gäste nach Hannover, im vergan­genen Jahr ebenso viele unter dem Motto „Osnabrück macht’s möglich“ nach Osnabrück. Beide Feste blieben, so ist es in den örtlichen Medien zu lesen, in bester Erinne­rung. Braun­schweig hat sich offenbar in dem trüge­ri­schen Gefühl, besonders modern und innovativ zu sein, für ein krudes Motto in Kauder­welsch entschieden: „Land & Lions“. Wissen Gäste aus Oldenburg, Emden oder Delmen­horst damit etwas anzufangen? Wie das Urteil über Braun­schweig am Ende ausfallen wird, bleibt abzuwarten.

Juli-Konzert als Höhepunkt

Auf zehn Themen­meilen werden regionale und landes­weite Akteure zeigen, was Nieder­sachsen ausmacht. Jede Meile setzt eigene Schwer­punkte – von Kultur und Sport über Natur- und Umwelt­schutz bis hin zu Forschung, Innova­tion und bürger­schaft­li­chem Engage­ment. Sieben Bühnen ergänzen das Angebot für die Besucher. Eintritt wird an den drei Tagen nicht erhoben. Ein Höhepunkt ist der Auftritt der Band Juli am Freitag­abend auf der Bühne vor dem Staats­theater.

Nicht nur Vorfreude

Im Vorfeld ist in Braun­schweig nicht nur Vorfreude zu spüren. Die Innen­stadt ist für Autofahrer nicht mehr auf den gewohnten Wegen zu erreichen. Viele Straßen wurden bereits frühzeitig für den Durch­gangs­ver­kehr gesperrt. Parkplätze am Straßen­rand sind nahezu überall mit rot-weißem Flatter­band abgesperrt. Der Ärger darüber ist vieler­orts deutlich vernehmbar.

Hohe Standgebühr

Einige Gastro­nomen beklagen, dass sie ihre umsatz­starken Außen­plätze für die drei Veran­stal­tungs­tage aufgeben müssen. Die Mehrzahl der Betriebe sowie die Hotel­lerie werden dennoch erheblich profi­tieren. Aussteller müssen bis zu 4.300 Euro für die Nutzung eines Zeltes zahlen. Das günstigste Angebot für ein drei mal drei Meter großes Zelt beläuft sich auf 550 Euro. Vor allem ehren­amt­lich engagierte Organi­sa­tionen müssen dabei schlucken.

Schotter statt Blumenmeer vor dem Staatstheater. Foto: BiF
Schotter statt Blumen­meer vor dem Staats­theater. Foto: BiF
Kein schöner Anblick für Gäste von außerhalb: Baustelle Hagenmarkt. Foto BiF
Kein schöner Anblick für Gäste von außerhalb: Baustelle Hagen­markt. Foto BiF

Schotter statt Blumen

Kritik gibt es auch daran, dass die Beete vor dem Staats­theater für den Bühnen­aufbau in Schot­ter­flä­chen umgewan­delt wurden und erst kürzlich gepflanzte Blumen wieder entfernt werden mussten. Das ist für eine Stadt der Pocket-Parks schon bemer­kens­wert und es hätte sicher bessere Lösungen gegeben.

Baustellen und Verkehrschaos

In der Verwal­tungs­vor­lage aus dem Jahr 2023 heißt es: „Das attrak­tive Event bietet der Stadt mit ihren lokalen Partnern die Chance einer deutsch­land­weiten Ausstrah­lung und eines positiven Image­ef­fekts weit über die Region hinaus.“ Ob dies angesichts der vielen Baustellen und des gegen­wär­tigen Verkehrs­chaos gelingt, ist zumindest fraglich.

Heinrich in Autoabgasen

Das Stadt­mar­ke­ting warb kürzlich mit einem Beitrag für den Tag der Nieder­sachsen, auf dem das Denkmal Heinrichs des Löwen auf dem Hagen­markt zu sehen war und die Textzeile „Heinrich freut sich auch schon“ stand. Das darf durchaus bezwei­felt werden. Heinrich wird mitten auf Braun­schweigs wohl unerquick­lichster Baustelle außer Autoab­gasen und Staus mit Sicher­heit nichts vom hoffent­lich bunten und fried­li­chen Treiben mitbe­kommen.

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